Publizierde
14. Dez 2025,

Mit dem Wort „Vorhang“ war früher entweder ein aus der Hose quellender Bauch gemeint oder ein Tuch, das die Sicht in die Privatsphäre einschränkte – oder gar verhinderte. Der Vorhang stand – nein, hing – für eine gesichert private Lebensweisse.
Es gibt Dinge zwischen Haus und Vorgarten, die schützenswert sind.
Wer sich in der Nase bohrt, gestenreich telefoniert oder einfach im Sessel sitzt und ein Buch liest, der möchte selten, dass solche Zustände des Lebens öffentlich zugänglich sind. Dasselbe gilt für das Sexleben, Streitigkeiten, Depressions-Attacken, Angstmomente und andere höchst menschliche Ereignisse.
Damit leisteten Vorhang, Tür oder Jalousie einen enorm wichtigen Beitrag zur Lebensqualität –
die Zierde des Privaten.
Damals.
Vor Social Media.
Im 21. Jahrhundert ist der Vorhang zum Symbol des Spiessbürgertums geworden –
ein Relikt der Biederkeit, Ausdruck der Vermutung: „Die haben bestimmt etwas zu verbergen.“
Heute spielt sich das Leben im Mobiltelefon ab.
Jeder eindrückliche Moment wird fotografisch, aber meist sinnfrei festgehalten.
Jedes noch so irrelevante Ereignis wird gepostet.
Warum werden mit Essen überladene Teller im Restaurant in die digitale Welt hinausgepustet?
Worin liegt der Wert, wenn junge Menschen auffällige Merkmale ihres Körpers der Welt präsentieren?
Und wer konsumiert diese aufreizenden Bilder unbekannter Menschen überhaupt?
„Hey, zieh den Vorhang zurück. Ich will der ganzen Welt mein Privatleben zeigen!“
Wie muss es sich anfühlen, wenn ein ganz normaler, meist junger Mensch ständig Momente seines Lebens veröffentlichen muss?
Warum muss? Nun, diese Posterei in den sozialen – oder besser: asozialen – Medien ist suchtfördernd.
Und stressig obendrein.
Nicht nur für die Postenden.
Auch das Publikum wird durch die Flut schneller Bilder und Videos geistig überfordert.
Stille Momente? Nachdenken? Sinnieren?
Was zum Teufel ist das denn?
Klick um Klick fordern die Social-Apps von Auge und Geist die volle Aufmerksamkeit –
und einen schnellen Finger, um den nächsten Beitrag zu sichten.
Wie sehr muss sich das Gehirn bei dieser Tätigkeit langweilen.
Die servierten Häppchen digitaler Inhalte sind kaum erwähnenswert, geschweige denn nachdenklich machend. Vorgefertigte Bits, die vom Publikum nichts fordern ausser Aufmerksamkeit.
Wie lähmend ist das denn?
Der Dauerregen an trägen Inhalten lässt Denken und Nachdenken bald als mühsam erscheinen.
Es mag bequem sein, sich mit geistigen Häppchen füttern zu lassen –
doch der Geist wird dadurch weder befriedigt noch wachgehalten.
Er will selbst denken, entscheiden, erfinden, sich in der Welt zurechtfinden.
Ganz privat. Ganz eigenständig.
Nein, das ist nicht der Grund, weshalb einige Geistliche im Kloster leben.
Das ist ein anderes Social-Media-Thema.
Der Stress mit dem fortlaufenden Publizieren des eigenen Lebens ohne Vorhang
ist nervenaufreibend, ermüdend und schlussendlich eintönig.
Der persönliche, private Geist hingegen bietet unendlich viele kreative Möglichkeiten –
selten langweilig, immer eigenständig.
Vor allem beim Denken.

