Rückwärts – Warum „Früher war alles besser“ ein Irrtum ist
17. Mär 2026,

Dreimal hat mir der Rückwärtsgang die Rechnung präsentiert. Aber die grösste Rückwärtsfahrt ist Nostalgie. CanaChris
Wer rueckwaerts unterwegs sein will, der muss gewappnet sein.
Es reicht nicht, nur in den Rueckspiegel zu schauen, obwohl da ja alles bekannt aussieht.
Was zurueckliegt – also zeitlich – hat man ja bereits erlebt.
Da fragen sich manche Aufgeklaerten: Warum soll ich zurueckgehen?
Hat dieses seltsame rückwaertige Vorgehen etwa mit dem alten staubigen Satz «Früher war alles besser!» zu tun?
Sogar meine Eltern erwahnten diese Wortkombination, wenn sie von den Nachrichten etwas ueberfordert waren.
Nun, dieser Satz laesst sich leicht aus dem Konzept bringen und ad absurdum führen.
Denn was früher war, das nennt sich Geschichte und wird in Schulen gelehrt, ist in Bibliotheken und Onlinearchiven einsehbar.
Ob die daraus gewonnenen Informationen von der Bevölkerung eingesehen werden, das ist eine andere Sache.
Vor neun Jahren starb der schwedische Arzt Hans Rosling.
Dieser Mann hat nicht nur Kranke verarztet, sondern er hat seine Neugier zuerst mit Statistiken befriedigt und diese dann plausibel und mit Fazit den Menschen präsentiert.
Hans Rosling hat viele Ereignisse und Prognosen hervorragend, witzig, einleuchtend und aus verschiedenen Perspektiven erklärt.
Er ist auch der Motor für das Konzept Factfulness.
Es beschreibt die Praxis, sich auf Fakten zu stützen, um ein klares und genaues Bild der Welt zu entwickeln.
Also das Leben der Menschen von früher zu beleuchten.
Ziemlich schnell ist der Satz Früher war alles besser reine Makulatur.
Up in Smoke!
Unsere menschlichen Instinkte haben sich ein intensives Hobby zugelegt.
Sie verzerren oft die Perspektiven, die mit der Realität kaum etwas gemeinsam haben.
Mit dem sogenannten Gap Instinct und weiteren Instinkten wird die Welt und vor allem ihre Bevölkerung in verschiedene, gegensaetzliche Lager geteilt.
Oh verdammt!
Dieser Hans Rosling hat eine Sichtweise entwickelt, wie diese verzerrenden und trennenden Instinkte zu ueberwinden sind und die Sicht durch Fakten viel eher weise werden könnte.
Gap Instinct: Die Tendenz, alles in zwei extreme Kategorien einzuteilen. „Entweder – oder. Als ob die Welt nur zwei Farben hätte."
Negativity Instinct: Der Fokus auf negative Nachrichten, der die Wahrnehmung der Realität verzerrt. "Nachrichten sind die Ausnahme des gewöhnlichen Lebens."
Straight Line Instinct: Die Annahme, dass eine Entwicklung linear verläuft, ohne grössere Veränderungen. „Wer geradeaus schaut, sieht die Kurve nicht."
Fear Instinct: Die übermässige Betonung von Ängsten, die durch unmittelbare physische und emotionale Reize ausgelöst werden. "Wer Angst hat, denkt nicht – er rennt."
Size Instinct: Die Fehleinschätzung der Bedeutung eines einzelnen Ereignisses oder Fakts, ohne dessen Grösse im Kontext zu sehen.
“Wenn die Maus zum Elefanten aufgeblasen wird."
Generalization Instinct: Die Neigung, von einem Element auf das Ganze zu schliessen. „Siehst du, so läuft das!“
Destiny Instinct: Der Glaube, dass bestimmte Kulturen oder Länder unveränderliche Eigenschaften haben. "Völker wachsen. Klischees nicht! "
Single Perspective Instinct: Die Beschränkung auf eine einzige Perspektive und die Vernachlässigung anderer möglicher Ansichten. "Wer nur einen Spiegel hat, kennt nur ein Gesicht."
Blame Instinct: Die Suche nach einfachen Erklärungen oder einem Schuldigen für komplexe Probleme. “Fingerpointing ist unanständig.“
Urgency Instinct: Das Gefühl, dass es notwendig ist, sofort und eventuell übereilt zu handeln. “Denken? Dazu ist später noch Zeit.“
Die Einteilung der Welt in Klassen ist klassisch, aber nicht richtig.
Rosling argumentierte, dass die Einteilung in die Erste, Zweite und Dritte Welt als Kategorien nicht mehr relevant ist.
Viele Länder, die als Dritte Welt klassifiziert wurden, haben signifikante Fortschritte in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung gemacht.
Früher war das Leben besser?
Ein weiterer häufiger Irrtum ist die Annahme, dass Frauen in Entwicklungsländern generell schlecht gebildet sind.
Durch die Präsentation von Daten zeigte Rosling, dass der Bildungsstand von Frauen weltweit steigt und dies tiefgreifende positive Auswirkungen auf die Gesellschaften hat.
Früher war das Leben besser?
Rosling räumte auch mit der Annahme auf, dass die Gesundheitsversorgung in armen Ländern durchweg schlecht ist.
Er zeigte auf, dass viele Länder erhebliche Fortschritte in der medizinischen Versorgung gemacht haben, auch wenn sie noch immer hinter reicheren Ländern zurueckstehen.
Früher war das Leben besser?
Ja, es ist manchmal zeitraubend, sich besser und realer informieren zu wollen.
Doch die Zeit ist dennoch gut investiert, denn wer will schon über längere Zeit mit Irrtum, Klischees oder einfach falschen Informationen leben wollen?
Nein, Danke.
Mit Roslings Gapminder lassen sich so manche, fest im Sinn verankerte Fakten überprüfen.
Zudem bietet die Rubrik You are probably wrong about... oftmals höchst überraschende Ergebnisse.
Ja, die beruhen auf Fakten.
Das Leben war FRüHER meistens NICHT besser.
Sorry.

