Die Laferi-Kette wird zur Liefer-Kette

20. Mär 2026,

Die Laferi-Kette wird zur Liefer-Kette
Die Laferi-Kette wird zur Liefer-Kette

Wie Amerika seine Verbündeten verlor — und sie begannen, selbst zu bauen

Es gibt Momente in der Geschichte, die man erst im Rückblick versteht. 

Der Sommer 1945. 
Der Fall der Berliner Mauer. 
Die erste Liebe. 
Und dann — leise, fast geräuschlos — dieser Moment im Frühjahr 2025, als Kanada dem europäischen Verteidigungsfonds SAFE beitrat. Zehn Millionen Euro Eintrittsgeld. Quasi ein Trinkgeld. Kein grosses Spektakel. Keine Fanfaren.
Und doch: ein Wendepunkt.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die Logik des Westens simpel und stabil: Amerika liefert Sicherheit, Europa und Kanada kaufen amerikanische Waffen. F-35-Jets aus Fort Worth. NATO-Strukturen unter US-Kommando. 
Rüstungsgelder flossen von Ost nach West über den Atlantik — zuverlässig wie ein Uhrwerk. 
Es war kein schlechtes System. Es funktionierte. Jahrzehnte lang.

Dann kam Trump.

Nicht als Überraschung — die Zeichen waren lange sichtbar. 
Aber als Bestätigung. 
Strafzölle auf kanadischen Stahl. Drohungen, Grönland zu annektieren. Öffentliche Fantasien über Kanada als 51. Staat. 
Und dann die entscheidende Frage: Würde Amerika im Ernstfall wirklich für seine Verbündeten kämpfen? 

Artikel 5 — das Herzstück der NATO, jenes Versprechen der kollektiven Verteidigung — war plötzlich nur noch ein Fragezeichen.

Premierminister Mark Carney sagte es im Januar 2025 in Davos ohne Umschweife: "Die alte Beziehung — tief verflochtene Wirtschaften, enge Sicherheitskooperation — ist vorbei.» 
Das war keine Rhetorik. Das war eine Diagnose.

Zehn Millionen Euro — und eine neue Weltordnung
Ich denke an die Männer, die nach 1945 die atlantische Ordnung aufgebaut haben. 
Marshall. Adenauer. Pearson. 
Sie hatten verstanden, dass Frieden Infrastruktur braucht — nicht nur Ideen, sondern Verträge, Institutionen, Lieferketten. 
Sie bastelten Jahrzehnte lang daran.

Was wir heute erleben, ist ein ähnlicher Moment — aber in umgekehrter Richtung. 
Kanada trat dem EU-Fonds SAFE bei, einem 150-Milliarden-Euro-Programm für gemeinsame europäische Rüstungsbeschaffung. 
Als erstes Nicht-EU-Land überhaupt. 

Grossbritannien — das Europa 2020 verlassen hat — wurde ein Eintrittsgeld von vier bis fast sieben Milliarden Euro genannt. 
Kanada’s Beitrag? Läppische 10 Millionen Euro. London zögert noch. Ottawa unterschrieb.

Kanadische Unternehmen können nun EU-Verteidigungsaufträge mit bis zu 80 Prozent kanadischem Anteil gewinnen. 
Saab und Bombardier verhandeln über den Lizenzbau des schwedischen Gripen-Kampfjets in Kanada — zehntausend Arbeitsplätze, Technologietransfer, eine eigene Forschungsinfrastruktur für Drohnen und Zukunftsflugzeuge. 
Die Ukraine hat bereits Interesse an bis zu 150 Gripen gemeldet.

Kanada — das Land, das ich 2016 als neues Heimatland gewählt habe — wird zum europäischen Kampfjet-Exporteur. 
Wer hätte das gedacht? Natürlich stecke ich zwischen den Stühlen. Als Pazifist verdaue ich die Aufrüstungsorgie kaum. Als Verachter von Rüpeln hingegen ist Selbstverteidigung eine Pflicht. 

Trump wollte, dass die Verbündeten mehr ausgeben. Sie tun es.

Hier liegt die bitterste Ironie dieser Geschichte. Donald Trump hat jahrelang gefordert, dass NATO-Staaten mehr für ihre eigene Verteidigung ausgeben. Zwei Prozent des BIP — nein, fünf Prozent. 
Er hatte nicht Unrecht, dass Europa zu lange zu bequem unter dem amerikanischen Schutzschirm lebte.
Jetzt geben sie mehr aus. Frankreich, Deutschland, Spanien investieren gemeinsam hundert Milliarden Euro in ein Kampfsystem der sechsten Generation. Europa finanziert seine eigenen Waffensysteme. Kanada baut europäische Flugzeuge.

Nur: Das Geld fliesst nicht in die USA.

Lockheed Martin und Raytheon schauen zu, wie Saab, Dassault, Airbus, Rheinmetall und Bombardier die Aufträge übernehmen. Trump hat genau das ausgelöst, was er angeblich verhindern wollte: die strategische Emanzipation Europas und Kanadas von amerikanischer Rüstungstechnologie.


Was die Zahlen nicht sagen

Ich bin kein Militärexperte. Ich bin ein Geschichtenerzähler. 
Und was mich an dieser Geschichte bewegt, sind nicht die Milliarden, sondern das, was dahintersteht: der Moment, in dem eine Gemeinschaft beschliesst, auf sich selbst zu vertrauen.

Europa hat das nach 1945 vergessen — oder es sich erlaubt, es zu vergessen. 
Der amerikanische Schirm war so gross, so zuverlässig, so günstig. Warum sollte man eigene Strukturen aufbauen?
Weil Schirme sich schliessen können. 
Weil Garantien von Menschen gemacht werden — und Menschen sich ändern. 
Weil Souveränität verblasst, wenn sie nicht gepflegt wird.

Als ich 1981 mit meinem Partner Enrico Cenci in Basel ein Plattengeschäft aufbaute — mit eigenen Händen, aus eigenen Mitteln — war die Lektion dieselbe: Wer auf andere angewiesen ist, gibt Kontrolle ab. Wer selbst baut, behält Würde.
Das gilt für Plattenläden. Das gilt für Kontinente.

Die Lieferkette dreht um — und das ist gut so.

Die transatlantische Allianz stirbt nicht. 
Sie verändert sich. 
Und vielleicht wird sie am Ende stärker sein — weil sie auf echten Partnerschaften beruht, nicht auf einseitiger Abhängigkeit.
Trump wollte NATO-Verbündete wachrütteln. 
Er hat es geschafft. 
Nur nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte.

Geschichte hat ihren eigenen Sinn für Humor.

0Noch keine Kommentare

Ihr Kommentar
Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten

Ähnliche Beiträge