Angst Aktivisten

27. Mär 2026,

Angst Aktivisten
Angst Aktivisten

Ich war dabei, als die Welt zum ersten Mal Angst vor sich selbst bekam. Es war Anfang der Siebzigerjahre. Wir waren jung, wir trugen lange Haare und kurze Geduld, und wir hatten gerade den Bericht des Club of Rome gelesen — jenes schmale Büchlein, das uns mitteilte, dass die Erde endlich ist und wir uns verhalten wie jemand, der auf Pump lebt und nie vorhat, die Rechnung zu bezahlen. Damals nannten wir das noch nicht Klimaangst. Wir nannten es schlicht: den Ernst der Lage.

Der Unterschied zu heute? 
Wir haben nicht gezittert. 
Wir haben demonstriert.
Und wer am intensivsten demonstriert hat, waren die Frauen.

Ich denke oft daran, wenn ich sehe, wie junge Menschen heute mit dieser Angst ringen. 

Damals, in den Siebzigern, waren es Männer und viele Frauen, die auf die Strasse gingen — gegen den Vietnamkrieg, gegen die Atomraketen in Europa, gegen eine Welt, die Männer in Anzügen mit scheinbar schlafwandlerischer Sicherheit an den Rand des Abgrunds manövriert hatten. 

Heute ist es nicht anders. 

Greta Thunberg hat nicht gebeten. Sie hat gefordert. 
Die Frauen, die für ihr Recht auf Selbstbestimmung kämpfen, reklamieren und fordern gleichzeitig eine Welt, die es wert ist, in ihr zu leben. 
Klimakrise und der Verlust von Frauenrechten — das sind keine zwei getrennten Geschichten. 
Das ist ein und dieselbe Geschichte, erzählt in verschiedenen Kapiteln.

Es gibt einen alten Gedanken, der mich seit Jahren begleitet: Evolution bedingt die Revolution

Wenn Generationen von Entscheidungsträgern — und ja, es waren fast ausschliesslich Männer — die Dinge so gründlich verpfuscht haben, dass kleine Korrekturen nicht mehr reichen, dann braucht es den Ruck. 
Den Bruch. 
Den Moment, in dem jemand sagt: So nicht weiter. 
Dieser Moment ist unangenehm. Er ist laut. Er passt nicht in den Kalender. Aber ohne ihn bewegt sich nichts.

Eine Studie aus dem Jahr 2021 hat es in Zahlen gegossen: 84 Prozent der 16- bis 25-Jährigen weltweit sind besorgt über den Klimawandel — 59 Prozent sogar sehr oder äusserst besorgt. 
Man kann diese Zahlen kühl lesen, wie ein Wetterdiagramm. 
Oder man kann sie fühlen, wie einen Brief von jemandem, der weiss, dass das Haus brennt, aber die Türe nicht findet.
Ich ziehe das Fühlen vor.

Denn Klimaangst ist, anders als die meisten anderen Ängste, keine Fehlfunktion des Geistes. 
Sie ist eine vernünftige Reaktion auf eine unvernünftige Situation. 
Wer heute nicht wenigstens ein bisschen Angst hat, schaut nicht hin. 
Und das Problem beim Nicht-Hinschauen kennen wir — es löst rein gar nichts.

Hier aber liegt die Falle, die ich aus eigener Erfahrung kenne: Die Angst kann kippen. 
Von der Kraft, die bewegt, zur Last, die lähmt. 
Vom Feuer, das wärmt, zum Feuer, das verbrennt.

Was hilft, das weiss ich, seit ich hier in Newmarket am Ufer des East Holland River spaziere. 
Dieser Weg — der Tom Taylor Trail — ist kein Zufall. 
Er existiert, weil ein Mann namens Tom Taylor, damals Stadtrat, das Projekt durchgeboxt hat. 
Nicht nur gegen Widerstände, sondern mit der Überzeugung, dass ein Fluss kein Hindernis ist, sondern ein Geschenk. 
Dass Menschen Natur brauchen, um dem Luxus der Natur zu schätzen und warum es sich lohnt, für die Mitwelt einzustehen. 
Taylor hat nicht gezaudert. 
Er hat gehandelt. 
Und heute gehen Tausende Menschen auf seinem Weg, ohne zu wissen, dass sie durch eine langjährige politische Entscheidung spazieren.

Das ist Demokratie in ihrer schönsten Form: unsichtbar im Alltag, aber spürbar in jedem Schritt.

Die Generation, die heute mit Klimaangst aufwächst, ist nicht schwächer als wir es damals waren. 
Sie ist informierter — und gerade das macht die Last schwerer. 

Wir in den Siebzigern wussten vieles nicht. 
Sie wissen fast alles. 
Und das Wissen, ohne eine Tatkraft, die dazu passt, ist wie ein Rucksack, der täglich schwerer wird.

Was nun? 

Ich bin kein Therapeut und kein Klimawissenschaftler. 
Ich bin ein Geschichtenerzähler.
Die Heldin der Geschichte ist nicht die, die keine Angst hat. Es ist die, die trotzdem geht. Und die, die friedlich kämpft. 
Der Unterschied zwischen dem Klima-Angsthasen und dem Klima-Kämpfer ist übrigens kleiner, als man denkt. 
Es ist nicht der Unterschied zwischen Furcht und Mut. 
Es ist der Unterschied zwischen Furcht allein und Furcht in Gemeinschaft. 

Wer seine Angst mit anderen teilt, trägt sie leichter. 
Wer dann noch eine Schaufel in die Hand nimmt, merkt irgendwann: Die Erde ist nicht nur das Problem. 
Sie ist auch eine Therapie.
Die Revolution, die wir brauchen, muss nicht laut sein. Sie muss nur friedlich und langatmig sein.
Sie kann auch ein Weg am Fluss sein, den jemand für uns freigehalten hat. 
Sie kann eine junge Frau mit einem Schild sein. S
ie kann ein Stadtrat sein, der weiss, dass Bäume wichtiger sind als Parkplätze.
Das wussten wir schon in den Siebzigern. Aber war eher im Kleingedruckten zu lesen. 

Übermorgen Samstag werden in den USA wieder die NO KING-Demonstrationen stattfinden. 
Millionen von Menschen plus Bruce Springsteen und die E-Street Band werden die ihre Rechte auf Frieden, Freiheit und Demokratie einfordern. 

Hoffnung zeigt sich grosszügig und massenhaft. 

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