Wissenschaftler sind nervig.
04. Apr 2026,

Die Zeitung wirkt als gedruckte Version auch genauso: Erdrückend. Wer sich morgens nicht nur mit den ersten beiden Seiten begnügt, der wird sich mit all den Informationen überlastet fühlen. Wahrscheinlich.
Oftmals sind die wirklich wichtigen und dringendsten Nachrichten nicht auf den ersten zehn Seiten zu finden.
Dort sind die News zuhause, die schlagkräftig sind und Aufmerksamkeit finden.
Sex, Skandal und Prominente sind auf die vorderste Seite verbannt.
Doch im Hinterzimmer des Presseerzeugnisses lauern die Informationen ohne dramatische Schlagzeilen.
Ich lese mich gerne durch die hinteren Reihen der Nachrichten, um Perlen oder Tretminen an News zu finden.
Schliesslich hat eine Redaktion die Reihenfolge und Wichtigkeit der Platzierung bestimmt und nicht die Nachricht selbst.
Und da stiess ich auf Wissenschaftler.
Das sind die Menschen, die sich der Neugier, sprich der Forschung mit Haut und Haaren verschrieben haben.
Und andererseits sind dies die Menschen, die wirklich nervig sind.
Warum?
Nun, die genetische Grundstruktur des Typus Wissenschaftler ist so aufgebaut, dass ihre Gespräche nicht mit Zuckerguss oder Weichheitsfilter ausgestattet sind.
Oh nein, wenn diese Menschen den Mund öffnen, dann hören die Ohren der Umstehenden, ergo Betroffenen einige Dinge, die als nicht partytauglich gelten.
Und das ist nervtötend. Und macht unruhig.
Wissenschaftler haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie ihre Erkenntnisse aus Studien ständig immer und immer wieder prüfen. Und trotzdem beginnen sie die Sätze der Erkenntnis mit demselben Wortlaut: «Zum heutigen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis ist…»
Mannomann!
Wenn wir Normalbürger sich diesem wissenschaftlichen Gehabe bedienen würden, dann wären wir viel sprachloser und vorsichtiger im Verbreiten unserer Aussagen.
Wie langweilig wäre das denn!
Doch zurück zu der kleinen Nachricht auf Seite zweiundzwanzigeinhalb.
«Grosser Exodus der amerikanischen Wissenschaft!»
Wie bitte?
Warum exodieren US Wissenschaftler in grosser Anzahl aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten?
Immerhin haben 95’000 — in Worten «fünfundneunzigtausend» Wissenschaftler bis Ende 2025 ihre Jobs in den USA verlassen.
Holy smokes!
Was hat diese verantwortungsvollen Menschen im Dienste des Wissens dazu veranlasst, ihre wichtigen Beiträge für die Zukunft der Menschheit aufzugeben?
Nun, einige der Gründe sind nachvollziehbar.
Viele beklagen ein neues, feindliches Arbeitsklima seit der «Säuberung» bei Regierungsangestellten.
Andere sehen die ideologische Zensur durch die Administration der US Regierung als grosse Gefahr für ihre Arbeit.
Wenn Forschungsaufträge gekündigt werden, weil sie «antiamerikanische Werte» beinhalten, dann schrillt die Glocke um ein Vielfaches alarmierter.
Drastisch zeigen sich die plötzlichen Kürzungen der Gelder.
Wer kein Kapital zum Forschen mehr hat, wird das Forschen bald einstellen müssen.
Für diese Erkenntnis brauchte es nicht mal Forscher.
Und der Schrecken zeigte sich noch extremer, als Finanzen für Themen wie Krebsforschung, Lyme-Borreliose oder Abhängigkeit von Tabakprodukten gestrichen wurden.
«Was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss!»
Aber Menschen sterben früher.
Medizinische Forschung ist keine abstrakte Beschäftigung, sondern direkt dafür verantwortlich, dass Krebs heute zum Teil heilbar ist.
Das war 1970 noch nicht der Fall.
Wenn Immunologen, Virologen und Epidemiologen verschwinden, ist die Pipeline neuer Behandlungen verstopft oder trocknet aus. Forschung heisst, dass Krankheiten verhindert werden, weil Medikamente dagegen entwickelt werden.
Die nächste Pandemie wird ein Land ohne Gedächtnis antreffen.
Und treffen.
Die Seuchenkontrolle funktioniert wie ein Immunsystem — sie braucht jahrzehntelang aufgebautes Wissen, Netzwerke, Datenbanken und ein institutionelles Gedächtnis.
Wenn die CDC 25 Prozent ihrer Belegschaft verliert, verliert sie nicht nur Köpfe.
Sie verliert Erfahrung, die nicht ersetzbar ist.
Ein Virus kennt keine politische Agenda.
Und da wäre noch dieser verbreitete Irrtum, dass private Unternehmen diesen Job übernehmen.
Stimmt nicht — jedenfalls nicht vollständig.
Grundlagenforschung ist für die Privatwirtschaft ziemlich unattraktiv, denn diese ist teuer, langsam und garantiert selten Profit.
Kein Unternehmen investiert in etwas, das vielleicht in zwanzig Jahren einen Gewinn abwirft.
Und da ist noch diese ebenfalls nervige Angelegenheit namens Klimawandel.
Ohne Umweltwissenschaftler wird es keine verlässlichen Klimadaten mehr geben.
Ohne Klimadaten fällt eine fundierte Agrarpolitik buchstäblich ins Wasser oder in die Dürre.
Massnahmen bei einer Katastrophenvorsorge ohne Infrastrukturplanung?
Fehlanzeige.
Die Küsten steigen trotzdem.
Die Stürme werden trotzdem stärker.
Aber niemand misst die Veränderungen wissenschaftlich systematisch.
Wissenschaft ist nicht nur Methode — sie ist gesellschaftlicher Konsens über nackte Fakten.
Wenn staatliche Forschungsinstitutionen geschwächt werden, entsteht ein Vakuum an Wissen, das sich sofort mit Verschwörungstheorien, Desinformation und Pseudowissenschaft füllen wird.
Na dann, Gesundheit!
Wenn Wissenschaftler das Land verlassen, nehmen sie zwanzig Jahre Erfahrung mit.
Eine Forschungsgruppe, die sich auflöst, lässt sich nicht per Knopfdruck wiederherstellen.
Kanada, Frankreich und Australien bauen gerade breite Strassen für Wissenschaftler, die ihre alte Heimat verlassen wollen.
In einer Umfrage des Wissenschaftsmagazins Nature gaben 75 Prozent der befragten amerikanischen Wissenschaftler an, sich mit dem Gedanken zu tragen, die USA zu verlassen.
Andere Länder haben bereits gezielte Rekrutierungsprogramme lanciert, um amerikanische Forscher anzuwerben.
Kanadas Programm heisst bezeichnenderweise «Canada Leads». (Quelle: WTTW Chicago)
Wissenschaft ist zwar nervig, aber bestimmt kein Luxus.
Sie bildet die Infrastruktur der Zukunft.
Und Infrastruktur, die man vernachlässigt, rächt sich still — bis sie es plötzlich laut tut.
«Wissenschaftler aller Länder verteidigt euch: Willkommen in Kanada. In Frankreich. In Belgien. In Australien. In den Niederlanden.»

