Finger. Fertig. Keit.

06. Apr 2026,

Finger. Fertig. Keit.
Finger. Fertig. Keit.

Nein, sicher bin ich mir nicht, doch der Schein sagt: Die meisten Finger sind bereits fertig, wenn der Mensch als Neugeborener in der Wiege liegt. Sie sind noch etwas klein. Und noch etwas unbeholfen. Doch als Finger sind sie völlig OK und bereit, die Welt zu ertasten.

Warum also wird der Finger bereits im Frühstadium seiner Existenz dermassen diffamiert? 
Fehlt da etwas in diesem extrem komplexen Körperteil, der so viele Bewegungen und Abläufe im Laufe seines Lebens erlernen wird, die mehr als nur beeindruckend sind?

Wer kennt es nicht, wenn Neugeborene zum ersten Mal die ganze kleine Hand einen Finger von Mama oder Papa umklammern? Wahrscheinlich ist das die süsseste erste Erfahrung, die Eltern von dem Neuankömmling zu spüren bekommen.

Doch Finger haben auch Eigenschaften entwickelt oder gelernt bekommen, die weniger süss und schon gar nicht erfreulich sind. 

Wer sich in einer Stadt wie Paris oder New York City im Überlebenskampf im Strassenverkehr befand, der wird sich an den stolz und meist wütend erhobenen Mittelfinger anderer Autofahrer:innen erinnern. 
Von welcher Hand? 
Das ist ziemlich egal. 

Erhoben und aggressiv muss der mittlere Finger wirken. 
Sonst nichts. 

Das Pendant des Aggressiven ist dann ein erhobener Daumen, der mehr Zustimmung als Grösse hat.

Doch der wirkliche Teilzeit-Bösewicht an jeder Hand ist der Zeigefinger. 
Der hat die ereignisreiche Eigenschaft, den Charakter des oder der Besitzenden offenzulegen. 

Ach ja? 
Oh ja! 

Denn dieser schlimme Finger hat das Fingerpointing erlernt. 
Nein, das ist keine natürlich evolutionäre Entwicklung, sondern ein eher sozial geschaffenes Manifest, um etwelche Schuld auf andere zu lenken. 
«Die sind schuld!»

Wer meint, dass Fehler nur bei anderen vorkommen: Falsch! 
Doch es gibt Charaktere in der Entwicklung von Homo und Sapiens, die mit Fehlern nicht gut umgehen können. 
Sie umgehen sie lieber. 
Und zeigen mit dem Finger auf geeignete oder ungeeignete Kandidaten, die sich als der oder die Schuldige eignen. 
Nein, Vorbildung ist nicht nötig.

Es geht das Gerücht, dass beim Fingerpointing der Pointer selbst in einem besseren Lichte dastehen würde. 
Irrtum! 
Das eigentliche Motiv dahinter ist wenig schmeichelhaft. 
Das Ding heisst Selbstwertgefühl, was an sich ein unmögliches Wort darstellt. 
Ein Gefühl für den Wert des eigenen Ich? 
Nun, das Gefühl ist echt. 
Und es ist tragisch. 
Und deprimierend. 
Denn wer sich wertlos fühlt, hat wirklich schlechte Karten. 

Nun, mit etwas Übung lässt sich das Fingerpointing kurzfristig einsetzen, um dieses Gefühl des Selbst etwas aufzuwerten. 
Das Enttäuschende? 
Es hält nie lange an. 

So weit, so menschlich erklärte Motive, um den eigenen Finger auf andere zeigen zu lassen.

Doch wenn der zeigende Finger wirklich Böses will, dann gehört er zu einem machtbesessenen Narzissten – oder einer Narzisstin – die den Finger manipulativ einzusetzen wissen. 

Fingerpointing an der Hand von Politikern und Mächtigen gleicht einer Massenproduktion an Schuldigen. 

Die sind dann sofort als Gruppen erkennbar.

Politisches Fingerpointing bezeichnet das Phänomen, bei dem eine Person oder Gruppe eine andere beschuldigt, für bestimmte Probleme oder Situationen verantwortlich zu sein. 
Punkt.

Die älteren unter uns erinnern sich noch an diesen Joseph McCarthy, der vor siebzig Jahren Jagd auf vermeintliche kommunistische Spione und deren Sympathisanten machte. 

Ein gewisser Mao Zedong, seines Zeichens Chef der Kommunistischen Partei Chinas, startete die Kulturrevolution, um mehr Kontrolle zu gewinnen und das eigenständige Denken der Bürger:innen zu unterdrücken. 
Sein Finger zeigte auf den Begriff «Klassenfeind». 
Auf chinesisch natürlich. 

Dann war da noch ein österreichischer Hobbymaler, der sich auf das Fingerpointing von Minderheiten spezialisierte. 
Besonders die Juden, Homosexuellen und die Fahrenden wurden durch millionenfache Fingerzeige ermordet.

Zum Glück ist dieses Hobby der Mächtigen im modernen einundzwanzigsten Jahrhundert endgültig vorbei. 

Niemand nutzt das Fingerpointing gegen Immigranten in der politischen Rhetorik. 
Das wäre ja noch schöner. 

Niemand nimmt denselben Finger, um in Debatten über den Klimawandel die Wissenschaftler und die Umweltschützer zu diskreditieren, um deren Glaubwürdigkeit zu demolieren. 
Das wäre ja noch wärmer. 

Niemand wird nochmals den einen Finger nutzen, um geschlechtlich unterschiedliche Menschen, also Trans-People, als gefährlich einzustufen. 
Das wäre ja völlig widersinnig.

Oder was meinst du dazu, lieber Zeigefinger?

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