Früh Ling

07. Apr 2026,

Früh Ling
Früh Ling

Wenn ein einziges Wort das Arsenal der Gefühle ins Rotieren bringt, dann steckt eine riesige Portion Assoziationen in den paar Buchstaben. Wenn der Frühling nicht nur sich selbst, sondern von der schreibenden und dichtenden Gilde angekündigt wird, dann spriessen viele Dinge wieder aufs Neue.

Das Wort „Frühling“ ist alt. 
Sehr alt. 
Nicht so alt, wie das Phänomen des Frühlings selbst. 

Als die Deutschen noch am Beginn ihrer Sprache herumbastelten – also ab dem 8. Jahrhundert etwa – da wussten sie noch nicht, dass sie bereits als alt galten. 
Ihre ganzen Bemühungen, einer Sprache auf die Sprünge zu helfen, die in ganze, verständliche Sätze mündeten, die galten bereits als alt. Diese Leute damals gestalteten das Althochdeutsche, aber sie fühlten sich dennoch als Pioniere unter dem Regierenden, der sich selbst Karl der Grosse nannte. 

Diese Mannen und Frauen waren nicht am Ende, sondern ziemlich am Anfang ihres Lateins. 
Lateinische Wörter oder Fragmente von diesen waren alltäglich. 
Das heisst im Kern, dass eine tote Sprache namens Latein einer ganzen Völkergruppe namens Althochdeutsche rhetorische Schützenhilfe leistete. 

Stimmt’s?

Nun, der Begriff „Frühling“ kam bei der Wortmanufaktur nicht gut weg. 
Das „Früh“ ist selbsterklärend und tut dies auch immer wieder. 
Das „Ling“ hingegen ist ein Anhängsel, eine Endung ohne irgendwelchen erklärenden Bezug. 
Frühling halt. 

Dennoch hat sich der Begriff Frühling in viele Zentren der Sinne eingenistet und agiert meistens als Schläfer. 

Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sogenannte Triggerpunkte erwachen. 
Dann ist das neue und frühe Erwachen angesagt. 
Verliebte aller Länder wissen, was ich meine.

Sobald an den grauen, abgestorben wirkenden Ästen die ersten kleinen grünen Punkte auftauchen, dann meint mein Frühling 
„Hasch mich, ich bin der Frühling.“ 

Wahrlich eine Aufforderung, die in Kanada seit 2018 nicht mehr illegal ist. 

Je täglicher dieses grüne Ding sich in Blätter verwandelt, umso intensiver werden die anderen Sinne angetörnt. 
Der Geruch des Waldes und der Wiesen wird wieder niesbar. 
Die Tiere schütteln sich alle frostigen Erfahrungen aus dem Pelz. 
Und die Menschen beginnen in der kühlen, aber frühlingsrollenden Sonnenzeit wieder zu lächeln und sich des einfachen Lebens zu erfreuen. 

Was hat dieser verflixte Winter in den vorherigen Monaten mit den Menschen angerichtet? 

Der Frühling als Jahreszeit ist auch ein Versprechen für „alles wird neu.“ 

Nun, ein etwas waghalsiges Unterfangen, eine solche Aussage öffentlich zu tätigen. 
Doch der Frühling hat recht. 

Die kanadischen Gänse üben sich wieder im grimmigen Argäugen der Menschen, wenn Gänse-Eltern ihre frisch geschlüpften Kinder hinter sich wissen. 

Eichhörnchen suchen nach alten Schätzen in der Nusskammer und die Vögel zwitschern sich einen ab, als würde eben dieses morgen verboten.

Oh ja, der Frühling ist laut, eindringlich riechend und gut für die Augen und Mundwinkel der Menschen. 

Alles öffnet sich in freudiger Erwartung, was diese Zeit des Neuangangs wohl bieten wird.

Und genau dies frage ich mich auch. Fast jeden Morgen. Beim Morgensplittern.

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