Zele Brieren — Eine Celebration of Life für Phil Pendry

13. Apr 2026,

Zele Brieren — Eine Celebration of Life für Phil Pendry
Zele Brieren — Eine Celebration of Life für Phil Pendry

Geschichten sind - wie das Wort bereits andeutet - die vielen unterschiedlichen Schichten, die sich im Laufe eines Lebens zusammentun. Also die Lebensgeschichte formen. Die Geschichte.

In Nordamerika bin ich vor Jahrzehnten über diesen einen Begriff gestolpert: Celebration of Life. 
Also das Zelebrieren eines vergangenen Lebens. 
Bereits der Begriff selbst bietet eine völlig andere Optik als das übliche «Begräbnis». 

Der Blick fällt nicht auf das Grab, sondern auf die Person, die Geschichte des Menschen. 
Welch positive Kraft dieser Titel beherbergt, ist erstaunlich.

Gestern Nachmittag haben sich die unterschiedlichsten Menschen im Leaside Pub versammelt. 
Familie und Freunde haben sich im fröhlichen Zelebrieren geübt, was bei einem Menschen wie Phil Pendry sehr einfach ist.

Phil Pendry war bei seinem Hinschied eine 99 Jahre alte Bibliothek und ein Humanist der Extraklasse. 

Mit vierzehn Jahren – vierzehn! – hielt er bereits eine Gewerkschaftskarte und seine eigene Filmklappe in der Hand. 
Zuerst an den Filmstudios in Denham und Pinewood, dann in der British Army. 
Ein Leben zwischen Kamera und Geschichte hatte begonnen, noch bevor es richtig gelebt wurde.

Mit achtzehn Jahren fotografierte er als Armeefotograf die befreiten Konzentrationslager – zum Beispiel Bergen-Belsen - um Dokumente für die Nürnberger Prozesse zu liefern. Er schrieb später darüber, seine einzige Reaktion sei gewesen, sich hinter der Kamera zu verstecken und sie als Schild gegen die Realität zu benutzen. 
Die Kamera als Schutz. 
Und als Zeuge. 
Dieser eine brutale Moment hat ihn sein Leben lang geformt.

Über 40 Konflikte in aller Welt hat er mit seiner riesigen Kamera bereist und die verschiedenen Medienhäuser in Kanada beliefert. 
Er war der erste westliche Fernsehkameramann, der nach Nordvietnam einreisen durfte – und filmte dort das Staatsbegräbnis von Ho Chi Minh. 
Während die Nixon-Administration öffentlich abstritt, dass US-Bomber Hanoi bombardierten, war Phil Pendry dabei. 
Kamera läuft. 
Bild für die Wahrheit.

In Moskau 1956 – eine andere Art von Krise, eine andere Art von Mut. 
Als Nikita Chruschtschow während einer Rede die Beherrschung verlor und das Filmmaterial beschlagnahmt werden sollte, versteckte sein CBC-Kollege Don Gordon die Filmrollen kurzerhand unter seinen Achseln. 
Chruschtschow schüttelte ihm die Hand – und ahnte wohl, was da unter dem Jackett steckte. 
Phil Pendry grinste.

Und dann: Yoko Ono. Tokio, 1962. 
Ein gemietetes Appartement. 
Eine Freundschaft. 
Und fünf Jahre später in London ein Filmprojekt, das Geschichte schreiben würde: Film No. 4, auch bekannt als Bottoms. 
Eine Bolex H16-Kamera, ein Laufband, Bankiers, Politiker und neugierige Londoner, 15-Sekunden-Nahaufnahmen. 

Der Film sorgte für Furore – und brachte Yoko Ono erstmals nachhaltig in die Aufmerksamkeit eines gewissen John Lennon. 

Phil Pendry hat also nicht nur Kriege und Konflikte dokumentiert. Er hat – ganz nebenbei – auch die Musikgeschichte ein kleines bisschen mitgeprägt.

Über achtzig Jahre Berufserfahrung eines passionierten visuellen Storytellers haben Spuren hinterlassen. 
In Form von öffentlichen Filmbeiträgen und bleibenden Erinnerungen. 
Und in Form von Hundeleckerli. 
Phil trug immer welche in der Tasche. 
Für jeden Hund, dem er begegnete.

Der Pub an diesem Sonntagnachmittag war eng gefüllt. 
Mit Menschen einerseits, aber vor allem mit Stories aus Phil's langen Lebens andererseits.

Irgendwo und irgendwann las ich in irgendeinem Buch, dass die Dauer der Ceremony of Lire die Qualitäten dieses Menschen zeigt. Die Ceremony of Life für Phil hätte gut und gerne noch ein paar Tage gedauert, weil so viele Geschichten noch nicht ausgetauscht wurden. 

Doch der einhellige Tenor über Phil Pendry sitzt noch immer in meinen Ohren: Ein aussergewöhnlicher Humanist ohne Zynismus – nicht ein einziger Millimeter davon, wie ich einmal schrieb – aber mit viel Liebe zu Tieren und Menschen hatte gelebt.

Die Phil Pendry Bibliothek in Kopf und Herzen besteht weiter - solange ich lebe. 

Wie fröhlich und erfreulich ist das denn? 
Lass uns das Leben etwas mehr zelebrieren. 
Auch das eigene, wenn möglich.

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