Tiefgang

15. Apr 2026,

Tiefgang
Tiefgang

„Aber sicher kann ich einen Gang tiefer schalten.“ Vor allem, wenn man durch eine Wohnstrasse fährt. Tiefgang ist ein Wort und eine Handlung, die aus der Moderne etwas rausgefallen ist. Wahrscheinlich irgendwo in die Tiefe.

Vor allem in der Literatur, im Theater und im Film wurde nach mehr Tiefgang gefragt. 
Und gefordert. 
Doch was bedeutet das in der Praxis? 

Erstmal hat das wenig bis gar nichts mit Tiefstapeln zu tun. 
Das ist mehr eine handwerkliche oder reduzierende Tätigkeit. 
Nein, Tiefgang spricht die Gedanken und Überlegungen an, bevor Autor oder Regisseur mit der kreativen Arbeit beginnen. 
Der Schreiberling versucht mit Schweiss, Tränen und Zigaretten, die Geschichte mit komplexen Charakteren in einer durchdachten Handlung zu erzählen. 
Doch der grosse Anspruch der Kreativen ist noch immer, dass das Publikum angeregt wird. 
Der Inhalt der Story soll zum Denken, zum Überlegen provozieren. 
Dann bleibt eine Geschichte länger haften und hat eventuell sogar für Veränderungen im eigenen Denken und Verhalten gesorgt.

Wie tief soll man sinken? 

In der Philosophie und der Ethik kann es nicht tief genug gehen. 
Schliesslich ist das Leben selten nur an der Oberfläche sicht- und spürbar. 
Der tiefere Teil ist persönlicher und oftmals weitreichender als gedacht oder gewünscht. 
Da sind tiefere Schichten des Gedankenvorgangs ein nicht zu unterschätzender Vorteil. 
Denn beim Denken läuft der Vorgang in viele Richtungen. 

Zuerst mal zurück in die Vergangenheit, sprich in die Geschichte der Menschheit. 
Das gibt Einblick in Ereignisse und Verhalten der menschlichen Tiere und der tierischen Menschen. 

Erst dann geht‘s zum Erkennungsdienst, um aus der Vergangenheit etwelche Lehren zu ziehen. 
Schliesslich wollen wir alle eine möglichst erfüllende und lebensfrohe Zukunft sehen. 
Soweit die Sicht aus der Hippie-Philosophie.

Wenn also die Gedanken in die Tiefe gehen, wie finden sie dann wieder an die Oberfläche? 
Nun, das ist einfach. 
Denn an der oberen Fläche ist die Sicht meistens leichtlebiger, einfacher und weniger nervenbelastend. 
Und das macht schon mal froh. 

Doch die Oberfläche verändert sich immer wieder und oftmals drastisch. 
Dann sind die Tiefgänger wieder gefragt. 
Also die Philosophen, Zukunftsforscher und Humanisten, die eventuell ein paar Zeichen der Hoffnung ausfindig machen können.

Und wieder kommt die Kunst im Chaos der Weltpolitik zu Hilfe. 

Ich denke an grossartige Autoren wie Leo Tolstoi mit „Krieg und Frieden“ oder George Orwell, der mit „1984“ ein Handbuch für die Faschisten der Neuzeit schrieb. 

Nicht zu vergessen die kreativen Gestalter wie Vincent van Gogh oder Frida Kahlo, die ihre emotionale Tiefe und ihre persönlichen Kämpfe mit dem Leben und der Welt durch die Kunst ausdrücken konnten. 

Tiefgängige Denker wie Plato oder Nietzsche haben einige umwälzende Einflüsse in die Ethik, die Gesellschaft und generell in die menschliche Existenz einschleusen können. 

Noch einen Gang tiefer schalten Wissenschaftler, die sich niemals mit der Oberfläche zufrieden geben. 
Eine beantwortete Frage wird von der nächsten abgelöst.

Es gibt wahrscheinlich einen Platz in der Gesellschaft, an dem Tiefgang in Gesprächen weniger erwünscht ist: die Parties. 
Dort geht es eher um die Oberfläche und um den nächsten Gang in der Dinnerabfolge.

So, jetzt kümmere ich mich mal kurz um Tiefflieger und Tiefstapler. 
Dann ist wieder Platz für die Tiefgängigen dieser Welt.

0Noch keine Kommentare

Ihr Kommentar
Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten

0Noch keine Kommentare

Ihr Kommentar
Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten

Ähnliche Beiträge