Besessen. Haben oder sein?
01. Mai 2026,

„Du weisst das schon längst, oder?" Das hat sie beiläufig gesagt, irgendwann im Dezember, während sie ihre Kaffeetasse abstellte und mich ansah, als würde sie auf eine Antwort warten, die ich schon hätte geben sollen. Ich habe damals gelacht. Ich erinnere mich genau an dieses Lachen — es war zu kurz, zu laut, und es kam aus der falschen Richtung.
Es gibt einen Moment, den ich lange nicht benennen wollte. Nicht weil er schmerzhaft war, sondern weil er so unspektakulär aussah von aussen. Ein Dienstagnachmittag, Ich sass vor einer leeren weissen Seite auf dem Bildschirm, die trist wirkte" — die Seite war weiss und blieb es.. Ich sass vor der Überschrift eines Artikels, den ich schreiben sollte, und schrieb stattdessen Notizen zu einer Idee, die mich seit Wochen verfolgte. Nicht beschäftigte. Verfolgte. Das ist das richtige Wort. Bis zu diesem einen Tag hatte ich die Idee. Danach hatte sie mich.
Ich hätte das damals nicht so formuliert. Ich hätte gesagt: Ich bin sehr engagiert. Ich bin motiviert. Ich investiere viel. Alles Sätze, in denen ein Ich vorkommt, das die Kontrolle behält, das entscheidet, das auswählt. Aber was ich wirklich tat, war: nachgeben. Immer vollständiger nachgeben. Das besitzende Ich dachte noch, es führe Regie. Das besessene Ich hatte die Schlüssel bereits umgedreht.
Die Abbiegung vom besessen haben zum Besessensein war nur ein kurzer Aufblitzer. Aber die Konsequenzen waren ziemlich heftig.
Damals in Basel hatte ich einiges besessen. All diese materiellen komfortablen und statuslastigen Dinge, die das Leben erfolgreich scheinen lassen. Was sich genauso anfühlt. Die Kehrseite dieser Luxusmedaille ist der Druck, der Stress, der Marathon des Erfolgreichbleibens. Wo ist der entspannte Typ im Hippie-Modus abgeblieben?
Lisa hat das gesehen. Meine Schwester hat das gesehen. Sogar mein Vermieter hat irgendwann gefragt, ob bei mir alles in Ordnung sei, weil ich beim Briefkastenleeren dreimal dasselbe sagte. Was diese Menschen bemerkten, war kein Symptom. Es waren Hinweise auf eine Verschiebung in Machtverhältnissen zwischen mir und einer Idee. Und ich habe ihre Sätze damals zusammengefasst, weggebogen, als Übertreibung abgelegt. Jetzt höre ich sie noch einmal — wörtlich, ohne Kommentar — und merke: Sie hatten recht. Ich war falsch abgebogen. Ich war besessen.
Der Konflikt ist nicht dramatisch. Er ist stiller als erwartet. Das besitzende Ich will auswählen, wann und wie viel. Es will abends aufhören, es will an anderen Dingen Freude haben, es will beim Essen anwesend sein. Das besessene Ich hingegen kennt keine Feierabende. Es findet Eingang durch Umwege — durch ein Gespräch über Wetter, durch ein Lied, durch das Kippen eines Fensters an einem Nachmittag. Es braucht keine Einladung mehr. Es wohnt bereits hier.
Was ich suche, ist nicht die Rückkehr zu vorher. Das wäre Nostalgie, kein Ziel. Was ich suche, ist der Moment direkt vor dem Nachmittag — jenen letzten Augenblick, in dem beides noch nebeneinander existierte, die Wahl und die Anziehung, das Ich und das Objekt meiner Besessenheit, noch getrennt durch eine dünne, durchlässige Membran. Weil in diesem Zwischenraum — vielleicht — die Geschichte steckt, die ich eigentlich erzählen will. Nicht das Nachher. Das Genau-dann.
Lisa hatte recht. Ich wusste es schon längst.
Hier und jetzt bin ich wieder mit einer Idee, einer Vision unterwegs, die mich vom Schlafen abhält. Die alle Synapsen auf Dauerlauf hält. Bin ich wieder besessen?
Jein.
Die Leidenschaft für eine Idee, ein Projekt ist der Motor, der Antrieb und zeigt wenige Anzeichen einer Besessenheit. Ja, ich bin wild darauf, dieses Projekt durchzuziehen, auf Biegen und Besessenheit.
Warum?
Weil ich es kann? Weil ich muss? Weil ich will?
Nein, weil die Freude an dem Projekt so herrlich davongaloppiert.
Ich bin besessen.

