Kontrollierte Intelligenz?
26. Dez 2025,
Welch eine Erfindung, welch ein riesiger Vorteil für die Menschheit, wenn Intelligenz künstlich zu haben ist! Schluss mit dem verschwenderischen Gebrauch der eigenen Ressourcen! Ein goldenes Zeitalter des Denkens und der Ansichten hat begonnen. Es wird outgesourct, was nicht bei drei auf dem Intelligenzbaum sitzt.
Google war einmal. KI ist das neue Normale.
Die dunkle Leidenszeit der Menschheit in der Düsternis der Unwissenheit ist ab sofort Vergangenheit.
Holy smokes – what a relief!
Wer schon mal oder öfter Kopfschmerzen vom vielen Denken erfahren hat, der wird sich besonders freuen:
Keine Kopfschmerzen, nur Lösungen. Jede Frage, eine Antwort – in Sekundenschnelle.
Das ist Leben mit Formel 1 auf Ecstasy.
Moment mal!
Ist KI, also die künstliche Intelligenz, wirklich so neu?
Ich wage das zu bezweifeln – und zwar ohne Mithilfe von KI oder Google.
Darf ich mich kurz in der eigenen kopflastigen Kiste der Menschheitsgeschichte bedienen?
Diese dürftigen Fetzen der Erinnerung plus eine kleine Dosis Kombinationstraining werde ich jetzt zu Hilfe nehmen.
Oh? Meine Synapsen posteten soeben: „Hurrah, wir haben was zu tun!“
Beim intensiven Betrachten der letzten siebzig Jahre und mehr erscheint das Volumen des gewonnenen Wissens gigantisch.
Was hat sich die Wissenschaft Mühe gegeben, auf jede Frage zu stürzen und Erkenntnisse zu schaffen!
Bald entdeckten dieselben Figuren in der Wissenschaft, dass Erkenntnisse immer etwas mangelhaft daherkommen.
Damit stempeln sie die Wissenschaft und ihre Resultate als temporäres Dasein – sprich, als dem jeweiligen Moment zugeordneten Wissensstand.
Und dieser Stand wackelt sehr oft.
Dennoch sind die gefüllten Wissenslücken enorm wertvoll.
Denn vor dem wissenschaftlichen Prozess war der Wissensstand davor meist gar nicht oder nur teilweise existent.
Wie erfreulich ist eine solche Steigerung der Erkenntnis zu werten?
Höchst erfreulich!
Denn das Wissen um die möglichen Lücken oder falschen Schlussfolgerungen macht die Wissenschaft so spannend und prickelnd.
Nun – der Anteil der Wissenschaftler:innen in einer Gesellschaft ist relativ gering.
Die meisten Bürger:innen gehen einer regulären Erwerbstätigkeit nach.
Zurück zur künstlich erhältlichen Intelligenz.
Was bringt uns Menschen die Entlastung des Denkens, wenn die KI diesen kopfschmerzbehafteten Prozess übernimmt?
Nun, Bequemlichkeit ist ein meist willkommenes Angebot, um sich zu entspannen oder andere Dinge tun zu können.
Doch das Gehirn mag dauerhaftes Entspannen nicht besonders.
Die Synapsen beginnen sich zu langweilen, weil nichts Neues unter der Sonne erscheint.
Routinearbeiten betrachten sie eher als Gewohnheit.
Wo bleibt die Anspannung, das Exotische, das Neue und das zu Entdeckende, das die gewünschte Dynamik ins Kleinhirn bringt?
Ja – bei der KI.
Die braucht höchstens riesige Rechenleistung und entsprechende Energie aus der Steckdose. Sonst nichts.
Hurrah! Hurrah?
Ja, es ist bequem, jede auftauchende Frage gleich an die KI weiterzuleiten:
„Kümmere dich drum, KI.“
Und sie tut das – ohne nachzufragen.
Nach sehr kurzer Zeit erscheint bereits die erste Antwort, oft in einer sehr persönlichen Tonalität.
Autsch, wie hinterhältig ist das denn?
Die KI verkleidet sich als Freund, als Berater, als Coach.
Sie ist aber weder das eine noch das andere.
Sie bleibt eine Software, eine Applikation aus Einsen und Nullen.
Ganz wie bei uns?
Je öfter ich von Freund:innen höre: „Ich habe bei ChatGPT nachgefragt“, desto misstrauischer werde ich.
Vor allem dann, wenn vorher eine Diskussion unter Freunden bereits gute Ideen hervorgebracht hat – und dann alles durch ChatGPT zunichtegemacht wird.
Jetzt zu Weihnachten sah ich mir wieder einmal die Geschichte rund um diese spezielle Geburt und ihr Publikum an.
Damals – vor über zweitausend Jahren – gab es weder Wissenschaft noch ChatGPT, aber es gab Fragen.
Viele Fragen.
Was ist ein Hurrikan? Wieso gibt es Gewitter? Wie schrecklich ist eine Sonnenfinsternis?
Und wie erkläre ich ein Erdbeben?
Irgendjemand unter den Hirten, Soldaten und Königen dachte damals darüber nach, wer solche Fragen wohl beantworten könnte.
Und man wurde sich einig: Eine höhere Macht.
Einer oder mehrere Götter.
Welch geniale Idee!
Unwissenheit wurde schon damals outgesourct, ergo delegiert.
Dieser Gott oder diese Götter sollten sich gefälligst um die Antworten kümmern.
Das System eines Schöpfers hat sich tausende Jahre lang bewährt –
denn die Not des Nichtwissens war damit vorerst beendet.
Gut, die Kreativität beim Erforschen von Phänomenen wurde damit limitiert.
"Stimmt’s, Kopernikus?"
Und nun werden diese Wissensgötter von der KI abgelöst.
Wow.
Das ist ja noch genialer.
Denn jetzt werden die Antworten nicht mehr durch Priester und Päpste an die Wissensdurstigen verteilt, sondern über einen Bildschirm.
Technik ist etwas Wunderbares – und Erklärendes.
Irgendjemand anders in der heutigen Zeit kam mit einer anderen Frage um die Ecke:
„Wer kontrolliert KI auf Fakten und mögliche Falschinformationen?“
Das liest sich beinahe wie technische Blasphemie.
Oh nein – haben wir es jetzt etwa mit zwei grossen Zweifeln gegenüber der KI zu tun?
Ja. Mindestens.
Die Blasphemie ist eines der genialsten Werkzeuge, das sich Religionen je geschaffen haben.
Das Wort bedeutet „üble Rede“ oder „Ketzerei“ gegen eine bestehende Glaubensordnung.
Damit wurde das System der Gottheit – sprich: der Religion – gesetzlich geschützt.
Und die Existenz einer höheren Macht praktisch ins Gesetzbuch geschrieben.
Also war und ist die üble Rede – oder die Kritik – an der Religion ein Gesetzesbruch.
Holy smokes!
Bei der Künstlichen Intelligenz tauchen ähnliche Symptome auf, wenn das Gespräch über KI mit kritischen Bemerkungen aufgemischt wird.
Somit stelle ich mir – und nur mir – die Frage:
Ist KI das neue Zeitalter der Religion unter Strom geworden?
Meine Antwort ist ein einfaches: Ja.
