Prob Lemminge
10. Jan 2026,

Die kleinen Nager sind Kanadier. Unter anderem. Sie leben in der arktischen Umgebung – und zwar in grossen Beständen. Solange die Nahrung gesichert ist.
Lemminge heissen diese unterirdischen Bewohner.
Ach ja, sie sind auch die Träger eines alten Mythos.
Das Mystische daran?
Man sagt ihnen nach, sie würden sich in riesiger Zahl auf Wanderschaften begeben –
und, so die Legende, dabei massenhaft Selbstmord begehen.
Ein hübsches Drama, aber glücklicherweise falsch.
Diese Tiere sind weder depressiv noch suizidal.
Auf ihren Wanderungen, bei der Suche nach neuem Lebensraum, kommt es einfach zu Unfällen.
Einige Tiere werden krank und sterben – wie in jeder Population.
Ganz normal.
Und doch hält sich der Mythos vom kollektiven Abgrundsprung seit Jahrzehnten hartnäckig.
Die Geschichte wird munter weitererzählt – als wäre sie wahr.
Fazit:
Die Lemminge sind keine Selbstmörder-Garde.
Das echte Verhalten dieser Tiere ist weit faszinierender.
Im Grunde sind Lemminge Einzelgänger.
Doch ihr Liebesleben? Ganzjährig geöffnet.
Ergo pflanzen sie sich – je nach Nahrungslage – frisch und fröhlich, gut gelaunt fort.
Wenn das Futter knapp wird, schliessen sich diese Singles zu grösseren Gruppen zusammen.
Nicht etwa, weil sie Gesellschaft suchen,
sondern weil Hunger verbindet – oder besser: zum Gruppenzwang einlädt.
Diese wandernden Formationen können leicht den Eindruck erwecken,
die Lemminge folgten einem Führer – blind und voller Vertrauen.
Sind Lemminge etwa Jünger eines Kults?
Kritiklose Anhänger eines charismatischen Anführers, dem sie sogar in den Tod folgen würden?
Stop. Mythos!
Und doch kommt mir dieses Bild vertraut vor.
Wenn das Denkorgan überfordert ist,
wenn es dem Finger zuflüstert, auf eine Minderheit zu zeigen –
und wenn eine Masse von Lebewesen sich dem Hass zuwendet –
dann sind nicht die Lemminge schuld.
Probleme sind auch im Jahr 2026 keine Mangelware.
Täglich bedienen wir uns aus einer riesigen Kiste voller Nachrichten.
Die Auswahl ist überwältigend –
weil einerseits wirklich viel passiert
und andererseits das Verbreiten von Nachrichten längst ein lukratives Geschäftsmodell geworden ist.
Soweit, so verständlich – und so verführerisch.
Vor allem dann, wenn ein einziger, vielleicht sehr reicher Besitzer
die Nachrichtenagentur kontrolliert.
Zum Glück sind Lemminge – und Menschen – erfinderisch.
Viele Journalist:innen haben den grossen Medienkonzernen den Rücken gekehrt
und sich selbstständig gemacht.
Damit wird die Qualität der Nachrichten neu gemischt.
Nicht immer, aber immer öfter.
Denn diese freien Journalist:innen sind nur einem Chef verpflichtet:
dem Kodex des Journalismus.
Also dem Prinzip, Informationen zu beschaffen,
die von mehreren Quellen stammen.
Nur so steht die Wahrheit auf festem Fundament.
Leser:innen wollen sich auf Inhalte verlassen können –
auf deren Realität, auf ihre Wahrscheinlichkeit, auf ihre Objektivität.
Doch das ist schwierig.
Echter Journalismus braucht Zeit.
Und Zeit ist heute knapp.
Die neue Devise lautet:
Melde zuerst.
Melde schnell.
Melde in Fortsetzungen.
Welch ein Dilemming.
Welch ein Dilemma.
Welch ein mediales Abenteuer – für uns Leser:innen.
