IRR TUM

25. Okt 2025,

IRR TUM
IRR TUM

Wer sich irrt, ist deshalb kein Irrer. Ein Irrender vielleicht.

Doch wer sich irrt und dies irgendwann bemerkt, der ist ein Merkwürdiger. Denn ein erkannter Irrtum ist ja keiner mehr. 

Das Besondere an einem entkräfteten Irrtum ist, dass der Betroffene ab diesem Moment nicht mehr auf der falschen Fährte herumstochert. Von da an lebt der Ex-Irrtümler im Bewusstsein, dass er sich in einem Punkt nun im Zustand des Nicht-Irrens befindet. Und das ist eine hervorragende Situation – eine, in der ich mich immer wohler fühle, als aus Bequemlichkeit einem Irrtum aufzusitzen und mitzufahren.

Doch dieses Prozedere des Eliminierens von Irrtümern, sprich von Fehlvorstellungen oder gar Fehlern, ist schmerzhaft – zumindest am Anfang. Denn wir wachsen in einer Kultur auf, die das Begehen von Fehlern als beschämend betrachtet.
Ganz anders steht es um das Begehen von Kriminellem. Der praktisch angewandte Kriminalismus in der Politik ist inzwischen salonfähig geworden.
Und das ist ein Irrtum im grossen Stil.

Wo war ich? Ach ja – das Irre im Tum.

Ich mag diese Momente inzwischen sehr, wenn ich meinen eigenen Irrtum entdecke oder wenn mich jemand freundlich, aber bestimmt darauf stösst. Denn Lernen ist keine temporäre Angelegenheit – es begleitet uns bis zum letzten Atemzug. Manchmal höre ich die Frage:
„Warum sollen wir bis zum Tod lernen? Danach ist doch sowieso alles vorbei.“

Vor Jahrzehnten hörte ich den Satz: „Wer will schon dumm sterben?“ Diese fünf Worte haben sich im Kleinhirn festgesetzt. Der Schlüssel liegt im Wort dumm. Ein Begriff, den ich selten benutze, weil er abwertend ist – und Endgültigkeit suggeriert. 

Nein, dumm ist nur, wenn wir aus erkannten Fehlern nichts lernen. Oder wenn wir unsere Neugier in die Ecke stellen.
Denn das ist die einzige Gier, die ich als zutiefst positiv empfinde: die Gier, mehr zu erfahren, Neues zu entdecken, unterschiedliche Perspektiven zu sehen – und völlig andere Lösungen zu finden. 

Neugier ist die Feindin des Fatalismus – der geistigen Bequemlichkeit.
Ist es nicht fantastisch, sich dem Fantastischen hinzugeben?
Dinge neu zu denken, Situationen auf den Kopf zu stellen?
Kinder tun das ständig – und sie fühlen sich gut dabei. Ich habe noch nie ein gelangweiltes Kindergesicht gesehen, wenn es in die Welt der Fantasie abdriftet.

Kindern macht es nichts aus, sich zu irren. Sie müssen irren, um zu lernen. Sie entdecken eine Welt, die sie noch nicht kennen – eine, die weit über den Horizont hinausreicht.

Oft muss ich mich selbst daran erinnern, dass meine Meinungen Irrtümern unterliegen können. Früher hat mich das geärgert – heute bin ich dankbar.
Auch für die Irrtümer, denen ich gefolgt bin.

Vielleicht hängt das mit jener Zeichnung zusammen, die ich einmal in einem Büro sah:

Das System der Wissenschaft.

Schon das Wort „Wissenschaft“ - also das Wissen schaffen - ist faszinierend. Der Prozess dahinter öffnet unzählige Türen – Türen, die den Irrtum dorthin schicken, wo er hingehört: ins Pfefferland. 

Wissenschaft ist mühsam. Eine Sisyphusarbeit, wenn Hypothesen geprüft und wieder verworfen werden. Gedankenspiele, die Indizien sammeln, Prototypen schaffen und dann die Fachgemeinschaft einladen, sie zu testen.

Und die testet – gründlich und leidenschaftlich. Nicht, um den Urheber zu diskreditieren, sondern um Erkenntnisse zu prüfen, zu korrigieren oder neu zu formulieren.

Diese Wissenschaftler sind nicht nur chronisch neugierig – sie sind auch ein bisschen masochistisch. Aber sie erschaffen neues Wissen. Für eine neugierige, wachsende, hoffentlich lernbereite Welt.

Ich liebe Wissenschaft. Meine Irrtümer – etwas weniger.

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