«Sag das nicht!"
09. Nov 2025,

„Sag das nicht!“ „Das kannst du so nicht sagen!“ – erinnert sich noch jemand an die Zeit, als freie Rede noch nicht frei vom Denken war? Oder besser: als das Reden noch Bestandteile von Anstand und Ethik enthielt? Eine Zeit, in der Sätze noch nicht mit dem Warnschild versehen waren: „Dieser Satz könnte Spuren von Wahrheit enthalten.“
Ja, das ist übertrieben.
Ist es das?
Baron Münchhausen hat sich schon mehrfach beschwert, dass er als Legende von zu vielen Mündern und Papieren verwässert wurde. Er besteht darauf, die Exklusivrechte am Titel „Lügenbaron“ zu besitzen. Viel Glück, Herr Baron.
Als nördlicher Nachbar dieser „Vereinigten Staaten von Amerika“ beschäftigt uns Kanadier:innen die Politik des Elefanten ziemlich direkt.
Pierre Trudeau formulierte es einst treffend:
„Wenn Amerika niest, bekommt Kanada eine Erkältung.“
Beim Schreiben dieses Textes ist Amerika seit vierzig langen Tagen geschlossen.
Die Regierung, wohlgemerkt – nicht das Land.
Das bedeutet: Millionen US-Amerikaner:innen müssen auf die üblichen staatlichen Dienstleistungen verzichten. 42 Millionen Menschen, darunter Kinder, sind auf Lebensmittelhilfe angewiesen.
Nun, viel Glück dabei.
Doch das wirklich Verstörende – und Zerstörerische – an dieser Situation ist nicht nur das politische Verhalten, sondern die Kommunikation der Verantwortlichen. Politiker:innen und ihre Sprecher:innen treten vor Mikrofone, öffnen den Mund – und die Welt hört zu.
Wörter werden ausgestossen, erreichen Ohrmuscheln, dann Hirnwindungen – und kaum jemand stöhnt auf, obwohl das Gehörte ungeheuerlich ist.
Wenn eine dreiste Lüge ausgesprochen wird, bleibt der Widerspruch oft aus.
Kaum jemand von der Presse hakt nach.
Münchhausen hat recht:
Sein Andenken wurde in die Kommunikationsstandards unserer Zeit integriert.
Lügen haben jetzt regelmässig lange Beine – genug, um der Wahrheit davonlaufen zu können.
Holy smokes!
Wie, um Himmels willen, soll eine ganz normale Familie ihren Kindern erklären, was da im Fernsehen oder in den Zeitungen schamlos verbreitet wird?
Konsequenzen? Kaum.
Solche „Vorbilder“ üben ihre Kreativität nun auf dem Gebiet der Lüge aus – und das Publikum schaut zu.
Die Welle der offenen Münder von einst ist einer Verkniffenheit der Lippen gewichen.
Entrüstung und Wut finden heute innen statt.
Doch es gibt sie noch: mutige Journalist:innen, unbeugsame Politiker:innen, standhafte Normalbürger:innen, die sich diesem Verhalten entgegenstellen.
Nur – es sind zu wenige.
Wenn die Mehrheit schweigt, wird Schweigen als Zustimmung interpretiert.
Und das – wir wissen es aus der Geschichte – führt selten zu etwas Gutem.
„Deutschland 1933. Das Resultat war nicht schön“, schrieb die Geschichtsschreibung dazu.
Wo, bitteschön, ist die Menschheit in dieser überinformierten Welt der Aufklärung falsch abgebogen?
Wann hat sich der gesunde Menschenverstand ins Krankenbett gelegt?
Und warum hat sich der Geist der Humanität mal eben abgemeldet?
Moment – so schlimm ist es vielleicht doch nicht.
Denn Hoffnung existiert, sichtbar auf Strassen weltweit, wo Menschen – jung und alt – ihre Plakate malen, ihre Nachbarn mitreissen und gemeinsam marschieren.
Der Blick auf 2.600 Städte in den „Vereinigten Protesten von Amerika“, vereint unter dem Banner „NO KING“, war überwältigend.
Sieben Millionen Bürger:innen haben ihre Sofas verlassen, um für Menschlichkeit zu demonstrieren.
Das war nur die sichtbare Spitze – viele andere unterstützten still.
Aber ihre Wirkung war laut, positiv und vor allem: wahr.
Proteste sind in einer Demokratie nicht nur erlaubt, sondern geschützt – solange sie friedlich bleiben.
Diese sieben Millionen Demonstrierenden erinnerten mich an ein modernes Woodstock, bei dem die Strassen die Bühne sind.
Oh ja – die Demokratie ist empfindlich, wenn es hart auf Faschismus und Autokratie kommt.
Sie war das einfach nicht mehr gewohnt. Achtzig Jahre Frieden haben sie etwas bequem gemacht.
Doch jetzt ist sie wieder hellwach.
Menschen spüren, was sie verlieren könnten, wenn die Demokratie auswandert – oder sich aufs Sterbebett legt.
Beruhigt euch.
Der Geist der Hoffnung und der Überlebenswille des Homo Sapiens sind nicht fürs Aufgeben gebaut.
Ganz im Gegenteil.
Also:
Lasst uns ein paar Plakate basteln.
