Gefühlt. Echt jetzt?

12. Nov 2025,

Gefühlt. Echt jetzt?
Gefühlt. Echt jetzt?

Der Zeitpunkt ist nicht mehr ganz präsent, aber die Reaktion auf diese Neuerung umso mehr. Beim morgendlichen Blick auf die Wetterlage blieb ich kurz hängen: 29 Grad – gefühlt 34 Grad.

Wie bitte?
Wer hat meine Gefühlswelt geleakt?
Wer erdreistet sich, meine zukünftigen Emotionen mit der gefühlten Temperatur von übermorgen zu prognostizieren?
Die Firma Prognos, vielleicht?

Diese Prophezeiung las sich ähnlich dreist wie jene Stadtpläne, die mit einem Pfeil verkünden:
„Sie sind hier.“
Woher wissen die das?

Keine Sorge – die Frage ist nicht wirklich ernst gemeint.
Doch der Gedanke an dieses „Gefühlte“ beschäftigt mich seit Langem.
Nicht nur gefühlt.

Das Zeitalter des Gefühls

Seit der Pandemie vor fünf Jahren tauchte ein Phänomen auf, das wir zwar alle spüren, aber selten benennen:
Gefühle übernehmen die Kontrolle über Situationen – oft schneller, als die Realität hinterherkommt.

Emotionen wie Freude, Angst, Trauer oder Wut sind natürliche Reaktionen, wenn wir Nachrichten konsumieren – also Berichte über Ausnahmesituationen.
Dieses spontane Mitempfinden ist eigentlich ein Meisterwerk der Evolution:
Es hilft uns, andere besser zu verstehen, Mitgefühl zu entwickeln und auf Ereignisse zu reagieren.
Man könnte sagen: Das Fühlen ist die erste App des Menschen.

Aber – Emotionen erklären die Welt nicht.
Dafür gibt es (noch) den Journalismus.
Und auch wenn Medien nicht immer alles richtig machen – oder alles sagen dürfen –, sind sie das Werkzeug, um die Fakten zu erkennen.
Jedenfalls im Idealfall.

Das Spannungsfeld

Was ist also der Unterschied zwischen dem, was wir fühlen, und dem, was wir wissen?

Das Gefühlte ist subjektiv – manchmal poetisch, manchmal panisch –, aber es besitzt die erstaunliche Fähigkeit, Zwischentöne zu erkennen.
Es nimmt Nuancen wahr, die der reine Verstand gern übersieht.

Das Wissen dagegen ruht auf überprüfbaren Daten.
Fakten wollen analysieren, belegen, reproduzieren.
Sie kümmern sich wenig um Herzklopfen.
Aber sie helfen, den Puls zu regulieren.

Gefühl und Erkenntnis – zwei Systeme, die sich nicht ausschliessen, sondern gegenseitig korrigieren.
Wenn sie zusammenspielen, entsteht Orientierung.

Beispiele, bitte!

Nehmen wir Beziehungen.
Wenn zwei Menschen streiten, hilft selten die reine Faktenlage („Du hast mich betrogen!“).
Verstehen, Verzeihen, Versöhnen – das alles sind Gefühlsleistungen.
Kein Gerichtsurteil, kein Protokoll.

Oder die Kunst:
Kunst funktioniert nur über Gefühl.
Niemand betrachtet ein Gemälde, um die Maltechnik zu verifizieren.
Wir sehen – und fühlen. Punkt.

In der Politik dagegen ist das Kennen der Fakten von Vorteil.
Dort sind Emotionen keine zuverlässigen Ratgeber, weil sie – nun ja – launisch sind.
Fakten dagegen sind gnadenlos.
Sie haben kein Herz, aber viel Gewicht.

Fakten sind gefühlsarm.
Gefühle sind faktenarm.
Und irgendwo dazwischen leben wir.

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