Glück des Stolperns
15. Nov 2025,

Stolpern sehe ich nicht zwingend als ärgerlichen Zwischenfall, wenn die Füße aus dem Tritt geraten oder Menschen aus dem Trott fallen.
Nein – das Stolpern in eine Situation, in einen Moment oder in einen Menschen gehört für mich in die Kategorie der wunderbaren Zufälle.
Oder, wie man hier in Kanada sagt: Serendipity.
Einer dieser glücklichen Stolperfälle waren vier Wörter, die mich erst stolpern, dann staunen ließen: Human Library und Living Book – also Menschenbibliothek und Lebende Bücher.
Nein, das ist keine neue Kategorie, um Autor:innen zwischen Mensch und künstlicher Intelligenz einzuordnen.
Die Idee aus Dänemark geht viel tiefer.
Jeder Mensch füllt sich im Laufe seines Lebens mit Geschichten.
Jedes Leben ist eine Bibliothek.
Und genau hier beginnt das Spannende.
Eine dänische Idee reist um die Welt
Im Jahr 2000 saßen vier Menschen in Dänemark zusammen:
Ronni Abergel, sein Bruder Dany, Asma Mouna und Christoffer Erichsen.
Beim Nachdenken über Vorurteile und gesellschaftliche Spannungen entstand die Idee:
„Lasst uns eine Menschenbibliothek gründen.“
Beim berühmten Roskilde-Festival setzten sie ihre Idee sofort um:
Über 50 „Lebende Bücher“ standen dort vier Tage lang, acht Stunden täglich, bereit zum Gespräch.
Mehr als tausend Besucher:innen sprachen mit diesen Menschen.
Der Anlass war ernst:
Die wachsende Gewalt und die Zunahme von Vorurteilen in Dänemark hatten junge Menschen zu der Initiative „Stop the Violence“ bewegt – und daraus entstand die internationale Non-Profit-Organisation The Human Library, die heute in über 80 Ländern aktiv ist.
Auch in Kanada.
Wie funktioniert eine Menschenbibliothek?
Ganz einfach – und gleichzeitig wunderbar tief:
Besucher:innen einer Human Library „leihen“ sich ein lebendes Buch aus – also einen Menschen – und führen mit ihm ein Gespräch.
Das Ziel?
- Empathie fördern.
- Vorurteile hinterfragen.
- Diskriminierung abbauen.
Diese Begegnungen finden in Bibliotheken, Schulen, Universitäten, auf Festivals oder in Unternehmen statt.
Und sie wirken.
Weil diese Bücher leben, sprechen, lachen – und weil sie Geschichten erzählen, die kein Roman je so authentisch erfassen könnte.
Heute bin ich selbst eines dieser lebenden Bücher.
Ich erzähle meine Geschichte – das persönliche Drama, das mich schlussendlich nach Kanada geführt hat.
Diese letzten zwanzig Jahre waren kein Spaziergang.
Aber sie waren lehrreich.
Und offensichtlich fanden die Menschen in der Newmarket Public Library, meine Geschichte sei erzählenswert genug, um als „lebendes Buch“ gelesen zu werden.
Ich freue mich besonders darauf, die anderen lebenden Bücher kennenzulernen.
Denn jedes erzählt seine wahre Geschichte – keine Romanze, keine Heldenreise,
sondern das, was passiert, wenn das Leben uns stolpern lässt –
und wir doch wieder aufstehen.
Fazit
Als lebendes Buch fühle ich mich vielseitig.
Vielleicht sogar mehrbändig.
Und ich hoffe,
dass jemand beim Lesen meiner Geschichte ein kleines bisschen weniger urteilt –
und ein bisschen mehr versteht.
