Tradition – Staub oder Fundament?
17. Nov 2025,

Es gibt Begriffe, die für pubertierende Ohren eher untauglich sind. Tradition ist so ein Wort. Jugendliche auf der Suche nach Identität fühlen sich eher dem Progressiven, dem Forschenden, dem Neuerfinden verpflichtet – weniger dem Bewahren.
Die Tradition hat Teenager*innen in ihrer kurzen Lebens- und Erfahrungszeit selten weitergebracht.
Dafür ist der Rebellionsdrang viel zu präsent an der Oberfläche ihres Bewusstseins.
Aber was bedeutet dieser etwas staubbedeckte Begriff eigentlich?
Der Ausdruck Tradition ist so alt, dass bei seiner Geburt das Lateinische noch quicklebendig war.
Das Wort tradere bedeutet „weitergeben“ – also kulturelle Aspekte, Feierlichkeiten, Geschichte und Werte an kommende Generationen übermitteln.
Soweit, so geschichtsträchtig.
Tradition hat tatsächlich viele positive Wirkungen – auf Gesellschaften ebenso wie auf Individuen.
Menschen neigen trotz aller Individualität zur Gemeinschaft: zu Gruppen gleich- oder andersgesinnter Menschen.
Traditionen stiften Identität und Zugehörigkeit, indem sie die Geschichten der Vorfahren weitertragen.
Wer die Geschichte kennt, macht nicht zwingend dieselben Fehler wie Eltern und Großeltern.
Soweit der vorlaute Volksmund.
Wer sich in mühsamer Kleinarbeit eine Kultur erschaffen hat, darf stolz auf das Erreichte sein.
Verständlicherweise sollen diese Errungenschaften der Nachwelt erhalten bleiben – Musik, Kunst, Literatur, Feste, Rituale und die Geschichte selbst.
Sie alle stärken das Gefühl von Zusammenhalt.
Und schließlich sind da die Werte einer Gesellschaft – ihre ethischen und moralischen Schätze.
Sie prägen den Charakter einer Kultur.
Traditionen können sie bewahren.
Oh là là – welch positive Bilanz dieser Begriff doch bietet!
Moment – nicht so hastig.
Denn jede Medaille hat ihre Rückseite.
„Wir haben das immer so gemacht“ – dieser Satz ist der Lieblingssatz der Beharrlichkeit.
Er lässt kaum einen Millimeter Veränderung zu.
Tradition wird dann zur Mauer gegen Fortschritt.
Rollenbilder, die mit der Geschichte angeblich „immer schon“ so waren, dienen oft als Begründung für Ungerechtigkeit.
Besonders Geschlechterrollen glänzen in der Rückschau nicht durch Gleichberechtigung.
So wird Tradition zum Sand im Getriebe der Zukunft:
Sie kann Fortschritt bremsen, Lernprozesse blockieren und neue Modelle des Zusammenlebens verhindern.
Manche Traditionen entwickeln sogar einen Exklusiv-Mechanismus:
Sie werden zu Türstehern, die definieren, wer dazugehört – und wer draußen bleibt.
Traditionen sind im Kern starr, ja, aber sie bleiben lebenswichtige Bausteine jeder Kultur.
Sie formen Gemeinschaften und Individuen, erzählen von Werten, Wissen und Herkunft.
Doch alles Starre, alles „Schon-immer-Dagewesene“ muss sich der Kritik und der Realität stellen.
Denn die Welt dreht sich weiter – ob mit oder ohne Tradition.
Tradition ist daher nicht nur die Bewahrerin des Gewesenen,
sondern ein fortlaufender Dialog zwischen den Generationen.
Und das klingt – ganz traditionell – erstaunlich fortschrittlich.
