Whatabout… what?

19. Nov 2025,

Whatabout… what?
Whatabout… what?

„Dieser Chirurg hat enorm geschludert!“, meinte jemand aus dem Publikum. „Und was ist mit der Krankenschwester? Die arbeitet doch noch schlimmer!“

Solche rhetorischen Ping-Pong-Sätze spriessen wie Pilze aus dem Boden – und wirken ähnlich.
Zumindest, sagt der Fliegenpilz, auf Dauer giftig.

Die Technik hat einen Namen: Whataboutismus.
Sie zielt nicht darauf ab, einen echten Vergleich anzustellen, sondern lenkt ab.
Jede Kritik wird mit einem Gegenvorwurf neutralisiert – ein verbales Nebelgeschoss.

Wer masochistisch genug ist, sich eine Stunde in eine politische Debatte zu stürzen, weiss genau, was gemeint ist.
Für Zuhörer:innen fühlt sich das an, als laufe man zu Fuss durch eine Autowaschanlage:
Von allen Seiten prasseln Argumentfetzen, bis die Synapsen quietschen und der klare Gedanke längst ertrunken ist.

Herkunft des rhetorischen Nebelwerfers

Seinen Ursprung fand der Whataboutismus im Kalten Krieg.
Wenn westliche Politiker die Sowjetunion kritisierten, konterten sowjetische Sprecher mit:
„Ach ja? Und was ist mit den Rassenunruhen in den USA?“
So wurde der eigene Missstand aus dem Blickfeld geschoben, und die moralische Position des Kritikers gleich mit.
Ein klassischer Ablenkungszauber.

Whataboutismus kann, im besten Fall, Doppelmoral aufdecken.
Doch meist dient er dazu, Verantwortung zu vermeiden und das Gespräch ins Leere laufen zu lassen.
Wer ihn regelmässig einsetzt, lässt den öffentlichen Diskurs erodieren.

Konstruktive Gespräche? Fehlanzeige.
Debatten? Eher Schlagabtausch.
Das ständige Fingerzeigen ersetzt Verantwortung durch Rechtfertigung.
Und wenn dieselben Schuldzuweisungen in Endlosschleife laufen, legt sich das kritische Denken erschöpft schlafen.

Kurz: Whataboutismus ist der Burn-out der öffentlichen Kommunikation.

Soeben meldet sich das Fingerspitzengefühl:
„Und was ist mit diesem toxischen Mittelfinger?“

Wie also umgehen mit dieser Falle – ob im Parlament, am Familientisch oder auf Social Media?

Der einfachste Weg: Erkennen. Atmen. Umlenken.

Ein Satz genügt:

„Ich verstehe, dass es auch andere wichtige Themen gibt,
aber im Moment sprechen wir über dieses.
Lassen Sie uns bitte dabei bleiben.“

Klingt unspektakulär – wirkt aber wie rhetorisches Yoga.

Wer solche Debatten meistert, bleibt souverän.
Beispiele?
Mark Carney, Kanadas Premierminister, führt Diskussionen mit der Ruhe eines Dirigenten.
Oder Helmut Schmidt, der legendäre deutsche Kanzler – unerschütterlich im Sturm der Worte.

Wer so spricht, zeigt Führungsqualität: klar, gelassen, respektvoll.
Und wenn der unvermeidliche Zwischenruf kommt –
„Whatabout Donald…?“
dann genügt ein einziges Wort:

„No.“

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