Ent Scheidung
21. Nov 2025,

Mit welcher Tragödie dieser Begriff leben muss! Wenn ein Wort mit derart riesigen Hypotheken belastet ist, dann ist das Leben kein Zuckerschlecken. Und wenn doch, kommt gleich die nächste Bürde hinzu.
Sobald das Wort „Entscheidung“ am Ende einer Zeile steht und nicht mehr komplett darin Platz findet, trennt es sich. Bei knappen Platzverhältnissen steht das Ent- mit Trennungsstrich am Zeilenende, während die -Scheidung in die nächste Zeile rutscht – und das große „S“ sich bescheiden in ein kleines „s“ verwandelt.
Scheidung? Wovon soll sich hier ein Begriff bitte scheiden lassen?
Im Mittelhochdeutschen bedeutete Entscheidung tatsächlich das Durchschneiden von etwas. Im modernen Sprachgebrauch ist damit das Trennen von mehreren Möglichkeiten auf eine einzige gemeint. Oder etwas entscheidener gesagt: Wenn Optionen im Spiel sind, bleibt am Ende nur eine übrig. Die anderen werden brutal abgesägt – und vergessen.
Jetzt macht das Wort Sinn: Ent- wie entfernen, Scheidung wie… nun ja, wie der 50-prozentige Volkssport bei Ehepaaren.
Somit wird aus der Auswahl von Alternativen durch eine einzige Entscheidung jede Situation zu einer alternativlosen.
So leichtfüssig eine Entscheidung wirken mag – sie ist es selten.
Entscheiden ist komplex, kopf- und herzschmerzbelastet.
Wer sich entscheiden muss, taumelt oft zwischen Hoffen und Zweifeln,
bis sich das Resultat zeigt – und wirkt.
Der Prozess selbst ist mehrstufig:
Zuerst legt man die Informationen, also die Fakten, auf den Tisch – eine klassische Auslegeordnung. Dann werden die Einzelteile gesichtet, beurteilt und abgewogen. Schon das ist eine Leistung der Extraklasse, als schwimme man langsam, aber unaufhaltsam auf den Wasserfall der Entscheidung zu.
Der magische Moment im Wasserfallmodell: der Point of No Return.
Ab hier sorgt der Sog der Entscheidung für alles Weitere.
Und dann wäre da noch der emotionale Beipackzettel:
Gefühle.
Sie mischen sich ein – mystisch, farbig, manchmal tückisch.
Sie beleuchten Fakten in sanftem, verführerischem Licht.
Und wer innerlich noch lebendig ist, kann sich dieser Magie kaum entziehen.
Bevor der Entschluss fällt, meldet sich schliesslich das Soziale:
Was denken Freunde, Nachbarn, Familie, wenn ich so oder anders entscheide?
Was passiert danach?
Die Stimmen der Besserwisser:innen sind laut – und selten hilfreich.
Wer soll da noch objektiv bleiben?
Nun zur Quantität:
Wie viele Entscheidungen trifft ein Mensch überhaupt pro Tag?
Die Wissenschaft hat’s gezählt: etwa 35.000 bewusste Entscheidungen täglich.
Kinder bringen es auf rund 3.000.
Wie schafft es der Durchschnittsmensch, überhaupt noch zu arbeiten,
wenn er ständig mit Entscheidungen bombardiert wird?
Und was ist mit denen, die überdurchschnittlich entscheidungsfreudig sind –
die wahren Super-Entscheider?
Zum Glück laufen die meisten Entscheidungen automatisch ab:
Welche Hose ziehe ich an?
Was esse ich zum Frühstück?
Wohin zuerst? Was steht heute an?
All das sind Entscheidungen – winzig, aber unzählbar.
Die grossen, schicksalsschweren, konsequenzbeladenen Entscheidungen
sind seltener.
Aber sie hinterlassen Spuren.
Eine Minderheit mit Folgen.
