The Braining
24. Nov 2025,

Der Weg des kleinsten Widerstands ist kaum erwähnenswert. Er ist vergessen, sobald ein neues Objekt der Neugier ins Visier gerät. Oder, etwas direkter gesagt: Der Weg ist weg.
Dieses nervige Verhalten meines Blumenkohls im Kopf konnte ich mir – oder anderen – lange Zeit nicht erklären. Vor allem damals nicht, als ich als Sechsjähriger Mitglied des Schulwesens wurde. Knirpse allerlei Geschlechts sassen still auf Stühlen, starrten auf die schwarze Tafel und auf diese eine Person davor. Diese öffnete den Mund und entliess Tausende von Wörtern in den Raum – in der Hoffnung, dass einige davon unser kleines Gehirn erreichen und sich dort festsetzen würden. Das nannte man Lernen für die Zukunft. Oder fürs Leben.
Als verspielter Bub in freier Natur empfand ich dieses Eingesperrtsein als reine Tortur – und das, obwohl ich die Faszination von Buchstaben und Wörtern noch gar nicht kannte. Lernen war mühsam, nicht nur am Anfang meiner „Lernkarriere“. Das Schulsystem wurde noch seltsamer, als plötzlich Tests und Prüfungen auftauchten. Nun ging es nicht mehr ums Lernen fürs Leben, sondern ums Büffeln für die nächste Note. Wir wurden zu Testkandidaten degradiert.
Und wo blieb der Spass beim Lernen? Vermutlich in der Schulbank sitzen.
Diese frühen Erfahrungen blieben haften. Lernen war Stress. Lernen bedeutete Mühe. Lernen hiess Versagen, wenn man das Gelernte gleich wieder vergass.
Ach ja, das Vergessen – welch Tragödie, wenn sich Informationen leise aus dem Kopf verabschieden und nie mehr blicken lassen. Das ist sowas von unfreundlich! Und wenn etwas stört, dann kümmern sich die meisten Menschen darum, es loszuwerden. Also braucht es eine Strategie. Und siehe da: Mühe steht wieder vor der Tür. Denn wieder muss sich das Gehirn anstrengen, um Vorschläge zu machen.
Verdammt nochmal, Brain!
Warum lassen sich notwendige Informationen nicht einfach abrufen, wenn man sie braucht? Google hat dieses Anliegen gehört und sich der Gehirne der Welt angenommen, um sie schlauer zu machen. Dachte ich zumindest.
Stimmt aber nicht.
Nochmals: Verdammt nochmal, Brain!
Das Sammeln von Informationen sollte Notizkarten, Bücher und Computer übernehmen. Das Gehirn ist für aktivere, vielschichtigere Aufgaben vorgesehen – jedenfalls las ich das mal.
Ach ja?
Das meinte zumindest Richard Feynman, ein amerikanischer theoretischer Physiker (1918–1988). Er behauptete, kein Gehirn der Welt sei am blossen Sammeln von Fakten interessiert. Es sei ein lebendiger, elektrischer Teil des Körpers, der gefordert werden will. Das Gehirn, so Feynman, will kämpfen – um Erkenntnis, um Verstehen, um Sinn. Das Sammeln ist dabei nur Nebensache.
Aha.
Und was soll ich nun damit anfangen? Soll ich mein Gehirn zum Schlagabtausch herausfordern?
Ja. Genau das.
Also sah ich mir Feynmans Lerntechnik genauer an, versuchte sie zu verstehen – und sie dann praktisch anzuwenden.
Die Anleitung ist erstaunlich einfach: Lies etwas zu einem Thema, dann klapp das Buch zu. Versuch, das Gelesene in deinen eigenen Worten zu erklären – am besten so, als würdest du es einer Schulklasse erzählen. Dabei werden automatisch Lücken sichtbar, Stellen, die ich nicht wirklich verstanden habe. Diese Lücken zeigen mir, worüber ich nachdenken und was ich nachschlagen muss. Danach kehre ich zum Buch zurück, fülle die Lücken – und verknüpfe die neuen Gedanken mit meinem Verständnis.
So wird Lernen zum Erkennen, nicht zum Auswendiglernen.
Und plötzlich macht es Spass. Das Lernen.
Mein Gehirn läuft wieder auf voller Fahrt voraus und leistet sich täglich The Braining.
Thank you, Richard.
