Madame Melan Cholie
04. Dez 2025,

Madame Melan Cholie lebte in der Antike – also in jener Zeit, die einen Überfluss an Philosophen im Sortiment hatte. Vor allem im alten Griechenland und im südlichen Italien.
Ihr bester Freund damals war Hippokrates, einer dieser Denker mit überragender Neugier.
Vorname? Unbekannt.
Dieser Hippokrates hatte eine ganz eigene Meinung über Madame Melan.
Er beschrieb sie als eine der vier Temperamente.
Er war überzeugt, dass ihre Körperflüssigkeiten – die sogenannten Humore – aus dem Gleichgewicht geraten seien.
Das passte der Galle überhaupt nicht, und sie verfärbte sich prompt schwarz.
Genau dort, in diesem dunklen Organ, versammelten sich Traurigkeit und Pessimismus.
Warum?
Das wussten nur die Götter. Und Hippokrates.
Nun – da man beide nicht mehr befragen kann, hat sich der menschliche Geist im Laufe der Jahrhunderte selbst an die Erforschung von Madame Cholie gewagt.
Über Hunderte von Jahren hat sie immer mehr von sich preisgegeben.
Vor allem in der Renaissance wurde sie wie ein Star gefeiert – mit einem Ruf, der zwischen Genie und Inspiration glänzte.
Man schrieb ihr ein enormes Mass an Sensibilität und schöpferischer Kraft zu.
Melan Cholie wurde zu einer Muse der Kunst – und zu einer ausserordentlich kreativen Persönlichkeit.
Doch dieser Lobgesang der Renaissance verstummte in der Moderne – und zwar gründlich.
Plötzlich wurde Madame Melan Cholie nicht mehr als Muse gesehen, sondern als Symptom.
Man stellte sie in die Reihe der Depressionen – als deren dunkle, schwerste Schwester.
Die Menschen, die unter ihrem Einfluss stehen, fühlen sich wertlos, traurig,
geistig gehemmt, körperlich erschöpft.
Sie verlieren das Interesse an fast allem, was sie früher begeisterte.
Welch anstrengende Person, diese Madame Melan Cholie!
Und doch: eine zutiefst menschliche.
Denn sie bringt nicht nur Schatten, sondern auch Tiefe.
Sie kann lähmen, ja – aber sie kann auch zu grossem Denken, zu Kunst,
zu einer unerwarteten Form von Klarheit führen.
Melan Cholie ist also weit mehr als einfache Traurigkeit.
Sie ist ein komplexes, vielschichtiges Phänomen,
das die Menschheit in unterschiedlichen Formen erlebt – und das seit Jahrhunderten ihre Kultur prägt.
Obwohl sie oft eine schwere Last ist, kann sie auch zu persönlichem Wachstum führen – und zu einer Art kreativer Wiedergeburt.
Wow.
Was für eine widersprüchliche, faszinierende,
und zutiefst anstrengende Persönlichkeit, diese Madame Melan Cholie.
P.S.
Der Umgang mit ihr ist so individuell wie die Menschen selbst.
Manche suchen therapeutische Hilfe,
andere verwandeln ihre Melancholie in Worte, Farben oder Musik –
als Dialog mit sich selbst und ihren Gefühlen.
