Aus Nahme Zu Stand

16. Dez 2025,

Aus Nahme Zu Stand
Aus Nahme Zu Stand

Deutschstämmige Wörter sind meist für Scrabble ungeeignet. Vor allem dann, wenn sie als Gruppe auftauchen und eine beachtliche Anzahl von Buchstaben mit sich schleppen.

Ausnahmezustand“ ist so eine Gruppierung.
Auseinanderdividiert ist der Begriff vielleicht etwas besser zu verstehen.

Wollen wir uns dem Wort in seinen Einzelteilen etwas näher widmen? OK.

„Aus Nahme“ klingt zwar wie ein Vor- und Nachname aus dem afrikanischen Sprachgebrauch – ist es aber nicht.
Die Ausnahme bricht die Routine eines Regelwerks.
Das ist alles.
Aber es ist zugleich sehr viel.

Denn die Regel in einem Staat ist die gegebene Gesetzeslage.
Und diese wird im Ausnahmefall ausgenommen, also ausser Kraft gesetzt.
Weil: Die Ausnahme hat wieder einmal ihren Zustand.
Jenen Moment in der Geschichte, in dem die Staatsgewalt sich einer aussergewöhnlichen Situation bemächtigt.

Welche Situationen sind damit gemeint?
Zunächst soll dieser Zustand der Ausnahme nur temporär gelten – und nicht zur Norm werden.
Typische Anlässe sind Naturkatastrophen, Kriege oder schwere soziale Unruhen.
Dann greift der Staat mit seinem Machtapparat und erweiterten Befugnissen durch, um die vorherige Ordnung wieder in den Normalzustand zu hieven.

Sobald sich die Krise verdünnisiert hat, soll der Ausnahmezustand zurück in den Schrank.
Ende der Durchsage.

Kanada hat sich dieses Instruments bedient, als Ottawa von der Truckerbewegung besetzt wurde und das Leben in der Innenstadt praktisch stillstand.
Und genau dort steht das Haus des Parlaments.
Der temporäre Zustand hielt glücklicherweise nicht lange an.

In den USA gilt der Ausnahmezustand hingegen immer noch – offiziell, um die vermutete Drogengefahr aus Kanada, Mexiko und Venezuela zu bekämpfen.
Ach ja – der Dauerbrenner Immigration dient ebenfalls als Begründung für diesen Zustand der völligen Aushebelung des ursprünglich gesetzlich definierten Zustands.
Ein Ende dieser „temporären“ Situation beim südlichen Nachbarn Kanadas ist derzeit nicht in Sicht.

Wenn sich Ausnahme und Zustand ein Stelldichein geben, wird das Leben der Bürger im betroffenen Gebiet kritisch.
Denn das damit verbundene Gesetz ist ein massiver Eingriff in die Bürgerrechte, die dadurch aus dem Gleichgewicht geraten.
Die Regierung erklärt „Sicherheit“ zur obersten Priorität, und die Rechte der Bürger müssen zurückstehen –
temporär, versteht sich, bis die Krise überstanden ist.
Für die Sicherheitskräfte werden Sonderbefugnisse ausgestellt – schwerwiegende Türchen, die sich leicht öffnen, aber schwer wieder schliessen lassen.
Darum sollte die Dauer dieses Zustands immer an klare Bedingungen geknüpft sein, um sie wieder zu beenden.

Was sich kompliziert liest, hat vor allem eine ethische Komponente.
Oha – kehrt die Ethik etwa wieder in die Politik zurück?
Na hoffentlich.
Denn der Ausnahmezustand ist potenziell gefährlich:
Er ermöglicht leichtfüssig den Missbrauch von Macht.
Und Macht, wie wir wissen, macht süchtig nach noch mehr Macht.

Manche der Sonderregelungen, die im Ausnahmezustand eingeführt werden, schmuggeln sich später still und leise in den Normalzustand hinüber.
Wie viele der Sicherheitsgesetze nach 9/11 sind heute noch aktiv?
Na eben.

Doch es gibt auch andere Ausnahmezustände, die gerne zum Dauerzustand werden –
zum Beispiel das Altern.
Es bringt weitreichende und drastische Veränderungen mit sich:
Wenn Schmerzen zum Alltag gehören, Vergesslichkeit zur Norm wird und man sich geistig nicht mehr in der Welt der Normalität zurechtfindet.

Auch das ist ein Ausnahmezustand –
nicht erklärt, nicht installiert, sondern schlicht ein Zufall der Natur, wenn sich Körper und Geist ungünstig verändern.
Dieser Zustand verlangt ebenfalls nach Sonderregelungen für die permanente Ausnahme:
mehr Zuwendung, mehr Zuhören, Verständnis, Mitgefühl und sanfte Betreuung.
Damit sich diese Menschen weniger verloren und stattdessen verstanden fühlen.

Mit etwas Kreativität, einer grossen Portion Einfühlung und ebenso viel Respekt kann selbst der Ausnahmezustand zu einem Zustand der menschlichen Normalität werden.

Wie wohltuend ist das denn?
Hoffentlich keine Ausnahme.

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