Trollige Zeiten
07. Jan 2026,

Die Tage und Nächte waren lang. Und kaum unterhaltend. Die Ausstattung des nordischen Lebens vor Hunderten von Jahren war spärlich: etwas Nebel, durchdringende Kälte, ein Blick auf den nächsten Hügel – und Wälder ohne Ausgang.
Die Menschen hatten unendlich viele Fragen, aber kaum Antworten.
Denn die Disziplin, die Wissen schafft, war damals noch nicht erfunden.
Also mussten Fantasie und Kreativität herhalten, um Dinge zu erklären.
Schliesslich waren Fragende schon immer lästig – und für jene, die Macht beanspruchten, geradezu nervtötend.
Vielleicht sind in dieser dunklen Zeit jene mystischen Kreaturen entstanden.
Nein, es gab keine Baupläne für ihr Aussehen.
Entsprechend vielfältig fielen die Beschreibungen über Trolle aus.
Wie der Homo sapiens haben auch die Trolle überlebt.
Lange Zeit waren sie zwar eher im Untergrund des Unterbewusstseins aktiv,
doch ihre Präsenz blieb schwach.
Bis zur Renaissance –
seit der Erfindung des Internets.
Und noch präziser:
Seit der Geburtsstunde der sogenannten „sozialen“ Medien.
Die Rhetoriker des politischen Bewusstseins haben die Trolle dort kurzerhand wieder eingestellt.
Und sie sind erfolgreicher denn je.
Diese neuen, modernen Trolle sind clever, anpassungsfähig –
und, ja, sie sind bewaffnet.
Ihre Waffen der Neuzeit heissen Algorithmen.
Nein, das sind keine Cousins der Trolle,
sondern ihre untergründigen Beeinflussungsmethoden.
Algorithmen wurden in der IT einst eingeführt,
um User persönlicher und gezielter im Onlinebereich anzusprechen.
Wer erinnert sich nicht an Shoppingplattformen mit der charmanten Zeile:
„Diese Produkte könnten Ihnen auch gefallen“?
Damals war das harmlos.
Heute bedienen sich die dunkleren Gestalten – die Trolle – dieser Technik.
Warum?
Nun, sie haben die sogenannten Echokammern erschaffen.
Das sind personalisierte Meldungen, die unser Verhalten auswerten
und unsere bestehenden Meinungen und Überzeugungen bestätigen.
Der Lernprozess des Falschliegens wird damit elegant ausgeschaltet.
Eine weitere fiese Methode:
das Klauen und Analysieren unserer Nutzerdaten.
Das ist, als lägen wir beim Surfen im Cyberspace auf der Psychiatercouch.
Sigmund hätte seine helle Freude daran gehabt.
Doch die gefährlichste Fähigkeit der Algorithmen nutzen die Trolle,
um politisch zu manipulieren –
und Falschmeldungen, sprich Verschwörungstheorien, auf den Meinungsmarkt zu schleudern.
Wie erfolgreich diese Troll-Truppe ist, zeigte sich überdeutlich während der Pandemie.
Wer hat nicht selbst erlebt,
dass langjährige Freundschaften über Impfungen und Weltverschwörungen in Rauch aufgingen?
Gute Arbeit, ihr verdammten Trolle.
Das für mich wirklich Erstaunliche sind die maschinellen Trolle –
die Facebook-, X- oder Instagram-Konten,
die automatisiert betrieben werden
und nichts anderes tun, als unseren menschlichen Geist mit rhetorischem Müll zu füttern.
Ich selbst habe meinen Gebrauch sozialer Medien auf eine Stunde pro Tag beschränkt –
damit ich es nicht werde:
beschränkt im kritischen Denken.
Mehr und mehr verabschiede ich mich von dieser Maschinerie der Spaltung,
der Miesmacherei
und des systematischen Erzeugens von Angst und Hass.
Solche Rhetorik ist gefährlich –
besonders für eine empfindsame Hippie-Seele.
Mit der social-media-freien Zeit wende ich mich wieder dem guten alten Buch zu.
Da hat meine Fantasie wieder freien Lauf.
Bücher haben keine Algorithmen.
Sie sind einfach vielseitiger.
Let’s Make Reading Great Again.
