Oberfläche weiss Bescheid.
09. Jan 2026,

Wer sich an der Oberfläche tummelt, kann hier und da einen Gang herunterschalten. Denn unter der Obrigkeit der Fläche tummelt sich die das Unbekannte, das Nichtwissen über so ziemlich alles und jedes.
Oh ja, es gibt Stimmen – meistens die lauten –, die mit einer riesigen Fülle an Erklärungen über alles und jedes glänzen wollen.
Das wusste schon der gute Herr Schopenhauer.
Ihm wurde nach langem und ausdauerndem Nachdenken gewiss:
Je kleiner die Wissensportionen, desto grösser die Proportionen der Gewissheit.
Einfacher hat es der antike Philosoph Sokrates formuliert:
„Ich weiss, dass ich nichts weiss.“
Ein Satz, der mir einleuchtet – und gleichzeitig säuerlich aufstösst.
Ist das nun eine fatalistische Erkenntnis über die Grenzen menschlicher Denkfähigkeit?
Oder ist die Masse an Wissen schlicht zu gigantisch, um auch nur annähernd die erste Stufe der Erkenntnis zu erklimmen?
Nun, Fatalismus kann es nicht sein – sonst gäbe es keine Wissenschaftler.
Wozu auch?
Doch diese Gilde der Denker, Tester, Forscher und Fazit-Kreatoren ist getrieben von Neugier und Wissensdurst – einem Durst, der niemals gestillt werden kann. Hurra!
Die meisten Wissensfelder sind einerseits enorm komplex – vor allem unter der sichtbaren Oberfläche – und andererseits zu vielschichtig und unerforscht, um dem menschlichen Wissensstand überhaupt einen Prozentsatz zuzugestehen.
Natürlich ertappe ich mich selbst, wenn ich meine Meinung über ein Thema als „Wissen“ verkaufe – nur weil ich darüber gelesen habe.
Welch ein Trugschluss!
Das merke ich spätestens dann, wenn ich mich tiefer eingrabe und von den komplexen Schichten beinahe erdrückt werde.
Oh nein, das ist nicht bedrückend – eher entzückend.
Denn da ist kein Ende in Sicht, sondern meist erst der Eingang zum langen Tunnel des Themas.
Woher meine Entzückung kommt?
Ich liebe das Lesen über alles.
Ich liebe Bücher – je grösser und dicker, desto lieblicher.
Doch wenn ich bei den letzten fünf Seiten angelangt bin, kribbelt im Hinterkopf schon diese leichte Enttäuschung, dass die Geschichte bald endet.
Gut, es gibt Bücher, bei denen ich froh bin, wenn das Ende endlich erreicht ist – weil der Inhalt einfach zu langweilig war.
In der heutigen technologisch luxuriösen Zeit der Informationen auf allen Kanälen hat sich ein Phänomen entwickelt, das mich eher erschreckt:
Das Wissen in kleinen Häppchen – serviert auf dem Buffet der Erkenntnisse – wirkt beeindruckend und manchmal gar überwältigend.
Doch am Ende ist der Magen des Gehirns nur gefüllt mit diesen Häppchen, und der Hunger scheint gestillt.
Aber reicht diese Kollektion minimalistischer Kost, um wirklich über ein Thema Bescheid zu wissen?
Die YouTube-Universität und das X-College bieten täglich ein gigantisches Buffet solcher Häppchen an.
Ich aber kratze lieber an diesen Oberflächen – und grabe tiefer.
Denn da muss doch mehr sein als die Behauptung selbst.
Wir alle übernehmen Begriffe, die wir irgendwo gehört haben, und verbreiten sie weiter – ungeprüft, oft mit besten Absichten.
Das kritische Denken hat sich vielerorts verabschiedet, weil diese Info-Häppchen in viel zu grossen Mengen auf unsere Synapsen prasseln.
Schopenhauer hat noch einen weiteren Satz in die Welt gepustet, der mir einleuchtet:
„Echte Intelligenz erklärt auch komplizierte Ideen in einfachen Worten.“
Oha – das ist der neue Frühsport!
Wenn ich tiefer in ein Thema eintauche, versuche ich genau das:
Ich erkläre mir selbst das Gelesene – und hoffentlich Verstandene – in meinen eigenen, einfachen Worten.
Ob das gelingt?
Nun, das bleibt mein kleines Geheimnis.
Eine komplexe – und vor allem private – Angelegenheit.
Aber ich übe. Immer wieder.
