Glas Menagerie

29. Jan 2026,

Glas Menagerie
Glas Menagerie

Tennessee Williams hätte sich wohl nicht träumen lassen, wie berühmt seine Beschreibung einer Familie der 1930er-Jahre einmal werden sollte. Sie wurde es aber. Die Glasmenagerie beschreibt das Leben – und die Zerbrechlichkeit – einer Familie in den Vereinigten Staaten von Amerika. Damals.

Die Glasmenagerie symbolisiert die Zerbrechlichkeit der Familie Wingfield sowie die Träume und Hoffnungen jedes einzelnen Familienmitglieds.
Die Glastiere in dieser Menagerie sind schön – aber vor allem eines: zerbrechlich.
Diese Eigenschaft trifft genau die Illusionen, an denen sich die Charaktere festklammern. Und vielleicht gerade daran zerbrechen.

So, das war nur ein kleiner Exkurs in die Vergangenheit von 1944, als das Stück uraufgeführt wurde.
Das wirkliche Drama der Glasmenagerie von heute und morgen beschreibt jedoch eine ganz andere Menagerie – die des gläsernen Bürgers.

Vor über fünfzig Jahren entstand der Begriff des „gläsernen Bürgers“, als sich der Staat erdreistete, seine Bürger nach persönlichen Dingen zu befragen.
Wobei diese Fragen im Rückblick aus heutiger Sicht eher harmlos klingen.
Der Aufschrei war damals trotzdem gross und laut, weil sich Staat und Banken durch die Haustür quetschten, um mehr über das private Leben der Bürger zu erfahren.

Ja, und dann erschien Facebook auf dem Tapet – und fand die Eingangstüren zu Haus und Leben weit offen.
Plötzlich war der Drang, sich der Öffentlichkeit im besten Lichte zu zeigen, seine Meinung hinauszuposaunen und jeden gefüllten Teller fotografisch ins Netz zu stellen, unwiderstehlich.
Die Resultate waren oftmals unausstehlich.
Datenschutz? Kein grosses Thema mehr in der breiten, öffentlichen Wahrnehmung.

Google das mal“ ist so selbstverständlich geworden, dass der Begriff googeln inzwischen als Synonym für „suchen“ im Wörterbuch steht.
Die Krake Google hat aber ausser der Suchfunktion noch andere, eher heimliche Eigenschaften – nämlich jene, Daten abzugreifen.
Google weiss vieles – und meist viel zu viel Privates. Und genau das ist Teil deren Geschäftsmodells.
Dasselbe gilt für Instagram, LinkedIn, YouTube, Facebook und vor allem TikTok.
Diese Datenstaubsauger sind unersättlich – und scheinbar unersetzlich.
All diese Applikationen machen das Leben angenehmer, bequemer, selbstdarstellerischer, attraktiver und transparenter.
Nach aussen zumindest.

Wann genau wurde aus dem Konsumenten Mensch das eigentliche Produkt Mensch?
Wir, die Nutzer all dieser Applikationen, sind die Zulieferer – die Produzenten von Daten, und zwar in gigantischer Menge.
Gern geschehen, meine Herren Zuckerberg, Bezos, Musk, Thiel und Ellison.

Diese Gruppe der Milliardäre ist auch persönlich unglaublich intensiv und weitläufig vernetzt.
Die Vernetzten sind gut bestückt – mit Politik, Finanz, Wirtschaft und Institutionen aller Art.
Das mit dem Netz ist wörtlich zu nehmen: Es ist nicht nur der Kontaktfaden untereinander, sondern auch das Fangnetz für Daten.

Die vielen Datensammler an sich sind schon furchteinflössend genug.
Doch das wirklich Beängstigende entsteht, wenn diese Sammlungen zusammengeführt und übereinandergelegt werden.
Dann ergibt sich ein Bild.
Ein fürchterliches Bild des gläsernen Bürgers.
Für das Gläserne haben wir Konsumenten selbst gesorgt – und nun wird die Rechnung dafür vorbereitet.

Der Name für diesen Zusammenschluss von Datensammlungen heisst Palantir.
Der Begriff stammt aus J.R.R. Tolkiens Romanen und bedeutet „Sehsteine“.
Und dieses Palantir liefert extrem detaillierte Ergebnisse.
Nein, nicht an den Bürger, sondern an alle interessierten und zahlungswilligen Kunden.

Ursprünglich war Palantir als Datenlieferant für die private Wirtschaft gedacht.
Das ist die Geschichte von gestern.
Heute arbeitet Palantir mit Regierungsbehörden wie der ICE (U.S. Immigration and Customs Enforcement) zusammen –
und sammelt sogar geheime Daten über das Wahlverhalten von Bürgern.
Also über jene höchst privaten Dinge, die Bürger zu Recht als schützenswert ansehen.

Holy smokes.

George Orwell dreht sich im Grab immer schneller.
Ein solches Szenario hätte er sich in 1984 kaum ausmalen können.
Die Realität des 21. Jahrhunderts ist noch viel kreativer – und intensiver.
Aber vor allem: gläserner.

Der Satz: „Ist mir egal, ich habe nichts zu verbergen“ ist völlig sinnlos.
Es geht nicht darum, was du oder ich beim eigenen Verhalten als unschuldig empfinden,
sondern darum, was das Zusammenführen und Interpretieren von Daten aus dem Ganzen macht.

Künstliche Intelligenz ist nur so intelligent, wie die Masse an Daten, die sie füttert.
Und genau da wird es gefährlich – und künstlich.
Denn Empathie, Verstand und menschliche Intelligenz fehlen in diesen Modellen völlig.

Oh verdammt!

Was ich mit dieser Geschichte mache?
Erstmal denken. Nachdenken. Überdenken.
Und dann mein menschliches Fazit ziehen.

Ich werde mich mit echten Menschen zusammentun, diskutieren, überlegen – und gemeinsam handeln.
Das Dystopische der Datenkraken und ihrer Besitzer ist schwarz und beängstigend.
Aber wir sind mehr.
Wir sind menschlicher.
Und wir sind klüger.
Weil wir mehr – und Menschen – sind.

Punkt.

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