Nor Mal

13. Feb 2026,

Nor Mal
Nor Mal

„Du bist nicht normal.“ Anfangs war das als kleine Variante einer Beleidigung gedacht. Doch was ist daran eigentlich beleidigend, dass jemand ausserhalb der Norm lebt?

Warum gilt Normalität – oder besser: Durchschnittlichkeit – als etwas so Erstrebenswertes?
Immer wieder wird suggeriert, dass das Überleben des Einzelnen (!) davon abhänge, nicht aufzufallen. 
Wer auffällt, fällt. 
Er fällt in das Blickfeld jener Augenpaare, die das Abweichende nicht akzeptieren – oder nicht ertragen können.

Doch wer bestimmt eigentlich, was „normal“ ist?
Und kann sich die Norm – dieses scheinbar Feste – unter bestimmten Bedingungen verschieben?

Das Wort „normal“ hat, wie so viele Begriffe, lateinische Eltern: normalis, was ursprünglich „rechtwinklig“ oder „gemäss der Regel“ bedeutete.
In manchen Bereichen macht Normalisierung durchaus Sinn:

In der Mathematik und Statistik bezieht es sich auf einen Durchschnittswert, eine Norm.
In der Medizin gelten bestimmte Parameter als „normal“, weil sie innerhalb eines typischen Spektrums liegen.
In Psychologie und Soziologie dagegen definiert „normal“, was als akzeptables Verhalten gilt – gesellschaftlich, 
kulturell, moralisch.

Doch hier wird es kritisch.
Denn Normalisierung fördert oft Stereotype und Vorurteile. 
Kulturelle Unterschiede werden ignoriert, Anderssein nicht toleriert. Ach, wie langweilig.
Und wie verletzend – besonders für Menschen mit Behinderungen, die per Definition niemals in dieser „Normalität“ ankommen können, weil die Norm auf einem schmalen Ideal basiert, das viele von vornherein ausschliesst.

Soweit so normal.

Doch inzwischen hat sich eine andere, beunruhigende Norm etabliert – eine, die zutiefst befremdlich wirkt.
Extreme Haltungen, die einst als „pfui Teufel“ galten, haben sich in die Mitte der Gesellschaft geschlichen. 
Die Empörung ebbt ab. 
Die Autobahn der Absonderlichkeiten – gesäumt von faschistischen und autokratischen Strömungen – wird zur Standardroute.
Und plötzlich gilt das, was einst als gefährlich galt, als „die neue Normalität“.

Pfui Teufel!

Die Welt verändert sich rasend schnell.
Die Politik wirkt instabil, die Wirtschaft kriselt. 
Auf dieser wackligen Plattform rufen immer mehr Menschen nach einfachen Antworten – und scheinbar starken Führern.

Gleichzeitig wird die Medienrolle als vierte Gewalt im Staat verwässert.
Propaganda und Desinformation ersetzen Aufklärung. 
Sie bereiten den Boden für extremistische Ansichten – und verkaufen sie als alltäglich.
Wenn dann noch das Abwerten der Demokratie, die Diskreditierung ihrer Institutionen und die Untergrabung ihrer Prozesse hinzukommt, öffnet sich das Tor für autokratische Praktiken in abnormalen Dimensionen.

Wie?
Wir hatten das nicht schon mal?

Stimmt.
Doch wer will sich heute noch mit der Last der Geschichte belasten? 
Mit dem Dritten Reich, mit dem amerikanischen Bürgerkrieg, mit den Mechanismen des autoritären Machtanfalls?
Viel bequemer ist es, wegzuschauen.
Das Ausblenden ist attraktiver als das Erinnern.

Doch natürlich – oder besser: normalerweise – lassen sich solche Entwicklungen aufhalten.
Es braucht Zeit. 
Aber wer sich dem Lernen verschreibt – über Geschichte, über Politik, über kritisches Denken – wer sich als Bürger in Grassroots-Bewegungen engagiert, bleibt weniger anfällig für Propaganda.
Und akzeptiert sie nicht als neue Norm.

Der Homo sapiens hat sich in seiner langen Geschichte immer wieder bewährt.
Der Trick ist einfach – und eigentlich selbstverständlich:
Die Gemeinschaft.
Wenn viele gemeinsam nachdenken, wenn frische Ideen gegen diese fatale Entwicklung auf den Tisch kommen, dann haben weder Faschismus noch Autokratie eine echte Chance.

Na, gehen wir das an – oder wollen wir noch etwas warten, Homo sapiens?
Na also.

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