«Oh Boy! Cott.
14. Feb 2026,

„Oh boy! Cott the crap!“ – so oder ähnlich verstand ich früher das Wort Boykott, zumindest wenn es aus einem englischsprachigen Munde kam. Und noch deutlicher wird das Verständnis, wenn das Phänomen namens Boykott tatsächlich Wirkung zeigt.
Die Menschheit befindet sich in vielen Teilen des blauen Planeten mitten in einer Epoche der Proteste – und das nicht zum ersten Mal. Sobald einem Teil der Bevölkerung die Ungerechtigkeit zu viel, zu laut, zu sichtbar wird, bricht der Protest aus. Dann übernehmen Kartonschilder und empörte Menschen die Strassen. Das kollektive Statement riesiger Menschenmengen gegen Ungerechtigkeit und für Veränderung ist beeindruckend – auch für diejenigen, die Macht ausüben.
Solche Protestmärsche sind kein Privileg, sondern ein universelles Menschenrecht, das sogar schriftlich niedergelegt ist.
Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte besagt wunderbar klar und zugleich poetisch:
„Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäusserung; dieses Recht schliesst die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.“
Im Iran des Jahres 2026 wird dieses Recht nicht gewährt – doch die Iranerinnen und Iraner nehmen es sich dennoch. Mit ihrem Mut auf den Strassen riskieren sie alles. Die Reaktion der Machthaber ist tausendfach und tödlich.
Und dennoch: Das Recht zeigt Wirkung. Denn wo Menschen sich weigern, stumm zu sein, entsteht Druck – auch wenn er mit Blut bezahlt wird.
Doch in dieser Rechnung fehlt oft eine entscheidende Grösse: die aktive, strikte und spürbare Reaktion der internationalen Gemeinschaft gegenüber Autokraten. Wie könnte diese aussehen? Zum Beispiel mit einem Boykott. Ergo keine finanzielle, technologische oder diplomatische Unterstützung für Staaten, die systematisch Menschenrechte verletzen.
Der Boykott ist ein anerkanntes und oftmals wirkungsvolles Mittel, um Proteste direkt zu unterstützen.
Denn er trifft dort, wo viele Mächtige besonders empfindlich sind: im Portemonnaie.
Kürzlich hat Professor Scott Galloway ein eindrückliches Plädoyer für konkreten zivilen Widerstand formuliert – als Ergänzung zu den Protesten in Minneapolis und anderen US-Bundesstaaten. Er schlägt vor, die Eliten der Technokratie – also jene Billionäre – für einen Monat gezielt zu boykottieren. Indem man etwa die Mitgliedschaft bei Firmen im sogenannten „Ground Zero“ kündigt: Apple, Amazon, Alphabet, Meta – oder auch in der „Blast Zone“ wie AT&T und Hilton.
Das Abbestellen von Abonnements ist ein sicht- und spürbares Mittel, um Druck aufzubauen.
Wer erinnert sich noch an Rosa Parks? 1955 weigerte sie sich, ihren Platz im Bus für einen Weissen freizugeben. Das Ereignis allein hätte wenig bewirkt – doch gemeinsam mit Martin Luther King Jr. und der Medienreaktionen entstand daraus der berühmte Montgomery Bus Boycott. Er dauerte 381 Tage und verursachte bei den Busunternehmen monatliche Einbussen von rund 250.000 Dollar – eine enorme Summe für die damalige Zeit. Der wirtschaftliche Druck zwang zur Umkehr.
Oder der Fall Disney und Jimmy Kimmel: Nach massiver Berichterstattung und einer Welle von Abonnementskündigungen kehrte Kimmel zurück – nicht aus Nächstenliebe, sondern aus wirtschaftlichem Kalkül.
Galloway ruft daher zu „Resist and Unsubscribe“ auf – Widerstand und Kündigung. Denn wenn Proteste die Wirtschaft treffen, können sich Oligarchen nicht länger verleugnen oder in Ignoranz versinken.
Ein Boykott ist ein Wirtschaftsstreik – und zwar der grössten, oft unterschätzten Macht im System: der Konsument*innen.
Wenn diese wegbleiben, wird es still. Und in dieser Stille der wirtschaftlichen Einbussen beginnen selbst die Mächtigsten zuzuhören.
Und wer hat’s erfunden? Nein, nicht die Schweizer.
Laut Wikipedia entstand der Begriff «Boykott» im Jahre 1880 im Rahmen der Irish Land League unter der Führung von Charles Stewart Parnell. Der Begriff „Boykott“ leitet sich von Captain Charles Boycott ab, einem englischen Landverwalter in Irland, der sich weigerte, die Pacht zu senken. Daraufhin isolierten ihn die irischen Pächter so vollständig, dass er weder Handel noch soziale Kontakte mehr hatte – weder beim Bäcker noch beim Arzt.
Die komplette soziale und wirtschaftliche Ausgrenzung war geboren. Und mit ihr ein neues Wort für zivilen Widerstand.
Und heute? Die Schlagzeilen lauten: „Kumulte nötigen die Wirtschaft!“
Ja, Kumulte tauchen aus dem Nebel des Widerstandes auf, wenn sich die Empörten zum gemeinsamen Handeln kumulieren.
Kumult in den USA!
Wer Menschen und deren universellen Rechte schätzt, dem wird der Boykott gefallen. Denn er wirkt. Auf Dauer. Und gemeinsam mit friedlichen Protesten kann er Ungerechtigkeiten Stück für Stück aus der Welt schaffen.
Wohin?
Wer weiss das schon.
Aber er zeigt Wirkung.
