Zwei Fel
17. Feb 2026,

Nein, es sind nicht deren zwei. Es sind viele Tausende, Millionen mehr, die immer wieder zweifeln. Wie ging noch die Sage: „Wer zweifelt, der denkt. Wer denkt, der zweifelt.“
Heute Morgen wartete ich nicht auf ein zufällig aufblitzendes Wort. Sorry, geistiges Lexikon.
Ich las einen Beitrag auf diesem - let’s face it - Book von einem sehr guten Freund aus Basler Zeiten: Martin Dürr.
Martin war seines Zeichens Pfarrer – und er weiss seine Zeichen immer wieder deutlich zu setzen.
Er ist ein ehrlicher Mann, der seine Zweifel, Ängste und Ansichten wundervoll stilistisch beschreiben kann.
Er hat mich heute Morgen dazu verleitet, meinen Slogan zu erweitern:
„Wer zweifelt, der denkt. Wer denkt, der zweifelt. Wer denkt und zweifelt, der schreibt.“
Danke, Martin.
In seinem Post schrieb der offene Martin über seine Zweifel, aber auch über ein spirituelles Erlebnis – einen Augenblick, auf den er sehr lange warten musste. Und das, obwohl das geschriebene Wort – im besten Fall viele Wörter – ihn stets in den Bann zog.
Briefe zwischen zwei Menschen, die sich sehr gewogen und angezogen fühlen, versetzen ihn sofort und ohne Umwege in den Verliebten-Status. Oh ja, Wörter sind eine der mächtigsten Fähigkeiten, die uns Homo Sapienser:innen geschenkt wurden.
Also los: Wann und wie wurde Martin Dürr von der spirituellen Seite gepackt? Na, rate mal: Das geschriebene Wort eines amerikanischen Schriftstellers namens Frederick Buechner hat irgendetwas Bedeutendes in Martins Seele, Geist oder sonstigem Zubehör erwachen lassen.
Martin fragt in seinem exzellent ehrlichen Post, wer von den Leser:innen jemals ein spirituelles Erlebnis hatte.
Oh ja, diese Einladung nehme ich nur zu gerne an.
Danke, Martin.
Als junger Mensch mit unzähligen Pickeln gesegnetem Gesicht war ich ein Gelegenheits-Zweifler.
Jede passende oder unpassende Gelegenheit sah ich als Einladung zum Zweifeln. Das Angebot war ziemlich opulent.
Ich zweifelte an meinem Aussehen, an meinem Selbstbewusstsein, an der hauseigenen protestantischen Religionslehre – von der Existenz des Santichlaus bis hin zu einem allmächtigen Gott. Meine pubertären Wanderungen führten mich von der Sonntagsschule zu den Jesus People, zu Katholiken, Mennoniten, etwas geschmückt mit Hare-Krishna-Leuten – und wieder zurück ins Zweiflerlager.
Und wie bei Martin grätschte mir damals im späten Teenageralter ein Buchtitel ins Auge: „Dieses Buch hat keinen Titel“. Der Autor war ein Mann namens Raymond Smullyan aus New York City. Das erwähnte Werk war eher ein kleines Büchlein, doch der Inhalt erschien mir riesengross.
Raymond war ein Schulabbrecher, wurde Zauberkünstler, Logiker, Musiker, Schachkomponist, dann Rätselfabrikant – und endete schliesslich als Professor. Das zweite Buch, das ich las, hiess – logischerweise – „Dieses Buch braucht keinen Titel“ (Originaltitel: This Book Needs No Title).
Vor allem einige Seiten aus einem seiner Bücher liessen mich zuerst aufblicken, dann aufhorchen. Smullyan baute Brücken zwischen Wissenschaft, Philosophie und Menschlichkeit – mithilfe komplexer Logik und unzähliger Rätsel. Mit humorvollen Sätzen formulierte er die Existenz und die Nicht-Existenz Gottes. Nach dem Lesen dachte ich erstmal, ich sei genauso dumm oder klug wie vorher dem Goutieren von Raymonds Text. Erst später wurde mir klar: Raymond, der Logiker, zeigte seinen Leser:innen auf, wie absurd eine formale Beweisführung über Gott ist. Die Einsicht in die Existenz Gottes – oder deren Fehlen – sei keine Frage der Logik, sondern eine persönliche, existenzielle Entscheidung.
Raymond Smullyan trat ohne Titel in mein Leben – und hat mir durch seine Paradoxien den Weg zur Wissenschaft geöffnet.
Und damit die Liebe zum Zweifeln, aber nicht den Zweifeln an der Liebe, nähergebracht.
Hmm, diese Geschichte wirkt überhaupt nicht spirituell, oder?
Aha – der Zweifler ist am Werk. Und das ist gut so.
Let’s zweifeln again.
